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Installationskunst: Christian Boltanski : Es verschlägt einem die Sprache

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Ein Monument auf Zeit: Der französische Künstler Christian Boltanski zeigt in einer riesigen Installation im Pariser Grand Palais die Schrecken des mechanisierten Todes - mithilfe von zweihunderttausend gebrauchten Kleidungsstücken.

          Heute öffnen sich im Pariser Grand Palais die Tore für die vierte Folge von „Monumenta“, einem der ehrgeizigsten Großereignisse der Pariser Kulturpolitik. Erstmals, nach Anselm Kiefer und Richard Serra, besetzt ein Franzose, Christian Boltanski, das Riesenareal unter der Glaskuppel an den Champs-Élysées. Welcher französische Künstler hätte sich sonst - abgesehen von Daniel Buren - gegen diesen Ort durchsetzen können? Es ist eine List der Geschichte, dass zu einem Zeitpunkt, da das französische Malermonument par excellence, Pierre Soulages, im Centre Pompidou sein von Schwärze dominiertes Statement für die abstrakte Malerei abliefert, auch Boltanski dank „Monumenta“ en gros auftreten darf.

          Boltanski vertritt eine Generation, die in der Imitatio Duchamps' definitiv auf Leinwand, Farbe und Pinsel verzichtet. Die Installation „Personnes“ - im französischen Sprachgebrauch weist der Titel ebenso auf die Präsenz wie auf die Abwesenheit von Menschen - erscheint äußerst einfach und klar. Eine Interpretation, die über die Beschreibung hinausgeht, ist kaum nötig. Alles ist flach und leblos. Auf 13 500 Quadratmetern hat der Erinnerungskünstler eine Todesfläche ausgelegt, die gegen Ende des Tages in der dunklen Tiefe des frostigen Raums verschwindet. Boltanski unterteilte den Boden der Halle in gleich große Rabatte, die Stahlstangen und Draht eingrenzen. Neonröhren werfen ein kaltes, schwaches Licht. Die Vorstellung von Ordnungsfanatismus, das Wissen um die Grundrisse der Todeslager drängen sich auf. Er bepflanzte alle Flächen gleichmäßig mit ungefähr zweihunderttausend gebrauchten Kleidungsstücken. Die einzelnen, von schmalen Wegen durchschnittenen Beete grundierte er in einem ersten Arbeitsgang, wie ein Maler seine Leinwand grundiert, mit dem dunklen Tuch von Wintermänteln. Doch dann begann er, diese Finsternis mit vielfarbigen Textilien aufzulockern. Denn Farbe, Heiterkeit verstärken die Trauer. An die fünfzig Tonnen wiegen die Kleider, die er bei Trödlern aufkaufte.

          Das Getöse ist unerträglich

          Boltanski arbeitet mit einer Materie, die jeden am Kragen packt: mit unwiderruflich Vergangenem, mit Totem. Und nicht von ungefähr suchte sich der Künstler für die Präsentation seines Beitrags einen Monat aus, in dem er von der Statistik her gesehen sicher sein konnte, als Partner in der ungeheizten Halle schmerzende Kälte zu finden. Wenn der Besucher das Glasschiff betritt, stößt er zunächst auf eine Sichtblende, eine hohe Wand angerosteter Schachteln aus Weißblech. In diese kafkaesken Archive kann jeder sich selbst mit seinen Erinnerungen ablegen. Tosendes, von einem Stakkato durchzucktes Geräusch empfängt die Menschen im weiten Raum. Über den Ecken der Karrees dringen aus Lautsprechern, wie irr gewordene Metronome, die Tonaufnahmen von schlagenden Herzen. Es sind Hunderte individuelle Partituren, die Boltanski eingesammelt hat und in seiner Installation zu einem Continuo verschmelzen lässt. Er will es so, das Getöse soll physisch und psychisch unerträglich sein. Er liefert eine Art von Readymade aus Lärm, vergleichbar den Zumutungen, die die Surrealisten als „unangenehme Objekte“ in ihre Ausstellungen aufnahmen.

          Der Blick fällt im Hintergrund des Querschiffs der Halle auf einen zehn Meter hohen bunten Kegel, auf den regelmäßig und unerbittlich aus den tentakelartigen Fängen eines Krans von oben Jacken, Blusen, Hosen und Pullover heruntertorkeln. Die metallene Hand, die Kleider wie tote Körper auf den bunten Berg wirft, ist in den Augen Boltanskis Ausdruck eines blinden Zufalls. Die unheimliche Geste des Prothesengottes prägt sich zutiefst ein. Man denkt an die Müllverwertungsanlagen, in die Richard Fleischer in seinem Science-Fiction-Film „Soylent Green“ die Kadaver aus der Euthanasieklinik fallen lässt. Es ist erwähnenswert, dass der Konus aus Kleidern im Grand Palais dieselbe Form hat wie die japanische Insel Teshima, auf der Boltanskis „Archives du coeur“ eingerichtet werden, die die Herztöne von Hunderttausenden Menschen bewahren.

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