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Installationen von Bruce Nauman : Der Raum, den meine Seele verlassen hat

Bei Bruce Nauman trägt das Grauen am Ende des Ganges immer die Züge des Betrachters selbst. Naumans Räume brauchen Raum, um sich entfalten zu können: In der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs in Berlin sind Auszüge aus dem gut vierzigjährigen Gesamtwerk des Installationskünstlers montiert.

          Von Korridoren und dunklen Fluren albträumen viele. Bruce Nauman hat sie gebaut. In seiner „Nick Wilder Installation“ von 1970 läuft man durch drei parallele, weiß gestrichene Gänge jeweils auf einen oder zwei am Boden stehende Bildschirme zu. Im ersten Gang erblickt sich der eintretende Besucher auf dem oberen Monitor in Rückenansicht, im zweiten bleibt der Apparat blind, im dritten sieht man sich auf dem Fernsehbild um die Ecke laufen - aber nur, solange man den Raum noch nicht ganz erreicht hat. Beim Näherkommen verschwindet das eigene Bild. Es ist, als würde man gelöscht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Naumans Kunst spielt nicht, sie schlägt zu. In einer anderen Installation, „Clown Torture“, müht sich ein Zirkusclown in einer Endlosschleife mit einem Wassersack ab, der immer wieder auf seinem Kopf zerplatzt. Andere Videos zeigen die Spaßgestalt hysterisch zappelnd und schluchzend am Boden oder eingesperrt in einer Toilette. Das Clownsgeschrei füllt den Raum. „Clown Torture“ ist die gebaute Metapher für Naumans Ästhetik: Er quält uns mit seiner Qual, er stößt uns in seinen Abgrund. Dem Betrachter bleibt freigestellt, ob er die Naumansche Höhle betritt oder nicht. Ist er erst einmal drin, sind dem Schrecken und dem Taumel der Erfahrung keine Grenzen gesetzt.

          Grauen am Ende des Ganges

          Der größte und furchtbarste aller Nauman-Räume trägt einen Doppelnamen: „Room With My Soul Left Out, Room That Does not Care“. Zur Feier seiner dauerhaften Aufstellung in Berlin hat die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof eine Nauman-Werkschau eingerichtet. Darin steht der „Raum, in dem meine Seele fehlt, Raum, dem ich gleichgültig bin“ am Ende des Weges, den man durch Naumans düstere Welten geht. Eine ausgedehnte Passage durch die Rieckhallen des Bahnhofs führt zu einem riesigen schwarzen Kasten, der seine Tunnelarme kreuzförmig in alle Richtungen und nach oben und unten streckt. Die Finsternis des Gebildes wird durch orangefarbenes Licht am Eingang und am Knotenpunkt der Gänge, wo man durch einen Rost in gähnende Leere blickt, gemildert, aber seine Botschaft ist klar. Im untersten Höllenkreis Dantes sind die Verdammten in ewiger Nacht im Packeis eingeschlossen, das sich durch die Flügelschläge des Satans bildet. Etwas von dieser Kälte spürt man hier. Noch unheimlicher ist die Wirkung des Tunnelkreuzes von außen, weil die eigene Phantasie die Räume mit monströsen Angstgestalten füllt. Bei Nauman trägt das Grauen am Ende des Ganges immer die Züge des Betrachters selbst. In der Tiefe jener Korridore, von denen der Künstler träumte, bevor er seine ersten Installationen schuf, erblickte er sein eigenes Spiegelbild.

          Wie ein aufgeblättertes Lehrbuch, das der Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Höllenkasten dient, haben die Kuratoren der Nationalgalerie in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs Auszüge aus Naumans gut vierzigjährigem Gesamtwerk montiert. Da ist der für die documenta 1972 entstandene „Kassel Corridor“, in dem man zwischen zwei gebogenen Holzwänden auf einen hellen Spalt zuläuft, bis der sich rasch verengende Raum einen zum Umkehren zwingt, da sind die paarweise verdrahteten Bronzeköpfe, in denen man, je nach Gusto, Spuren eines mörderischen Zweikampfs oder dialektische Denkfiguren sehen kann.

          Das Licht ist der große Aggressor in Naumans Werk

          Und da sind Naumans Neonröhrenbilder. Anders als alle seine Kollegen hat der Mann aus Fort Wayne, Indiana, künstliches Licht nie als Ornament oder Spaßfaktor eingesetzt. Neonlicht, als Figur oder Zeichen, ist bei Nauman Schrift und Schrei zugleich. In „American Violence“ von 1981 ergänzen sich die Sätze in Leuchtbuchstaben - „rub it on your chest / put it in your ear / sit on my face“ - zum stilisierten Hakenkreuz. In „Sex and Death / Double 69“ kopulieren zwei Männerpaare im Rhythmus ihrer aufblinkenden Umrisse. Die „Five Marching Men“ von 1985 recken Arme, Beine und Penisse im Gleichschritt in die Höhe. Das Licht ist der große Aggressor in Naumans Werk, es ist das „NoNo“ - so heißt ein Neonbild von 1983 - des Menschen zum Helldunkel der Natur. Auch deshalb ist die Finsternis des „Room With My Soul Left Out“ so erdrückend: weil sie alle anderen Traumkorridore in sich aufhebt.

          Mit der Nauman-Schau demonstriert die Nationalgalerie sowohl den Umfang der Friedrich Christian Flick Collection, aus der die meisten Exponate stammen, als auch die Einzigartigkeit des Ortes, an dem sie gezeigt wird. Denn Naumans Räume brauchen Raum, um sich entfalten zu können: „Groß genug für vergebliche Suche“, wie es in Samuel Becketts Monolog „Der Verwaiser“ heißt, aus dem der Begleitband zur Ausstellung zitiert, „eng genug, damit jegliche Flucht vergeblich.“ Im Hamburger Bahnhof haben sie ihn.

          Bruce Nauman: Dream Passages. Bis zum 10. Oktober im Hamburger Bahnhof in Berlin. Das Begleitbuch, bei DuMont erschienen, kostet 19,95 Euro.

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