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Ausstellung „Mensch! Skulptur“ : Wir alle sind Erfahrungsmenschen

Wie die Kunst das Auge zum Tastwerkzeug werden ließ: Die Internationalen Tage in Ingelheim zeigen, wie Bildhauer der Moderne Skulptur, Raum und Oberfläche untrennbar verbanden.

          Warum Menschenbilder in Ausstellungen derzeit eine solche Renaissance feiern, darüber kann nur spekuliert werden. Je mehr das Körperliche in der digitalen Welt schwindet, desto mehr scheint sich die Sehnsucht nach (be)greifbaren, uns als Gegen- und Widerstand im Weg stehenden Subjekten Bahn zu brechen. Die Grundidee der Ausstellung „Mensch! Skulptur“ im Kunstforum Ingelheim, dem stilsicher sanierten klassizistischen Alten Rathaus der Stadt, ist daher ebenso simpel wie überzeugend: Da eine chronologische Reihung der Kunstwerke nicht mehr wäre als eine Abhakliste der großen Namen, ist die Schau mit ihren einundsechzig Weltklasseskulpturen in insgesamt fünf Sälen thematisch gegliedert. In jedem Raum werden die wesentlichen Paradigmen der modernen Plastik, von Rodins „Mann mit gebrochener Nase“ von 1863 über die grundstürzenden Menschen-Stelen Alberto Giacomettis bis zum jüngsten Werk, Henry Moores „Maquette“ von 1975, veranschaulicht: Permanente Wechselbeziehungen zwischen den fünf Grundthemen „Stehende“, „Köpfe“, „Hände“, „Liegende & Kauernde“ und „Tanzende“ nicht ausgeschlossen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein besonderes Surplus ist dabei, dass seitens des Ausstellungsarchitekten wie auch des Kurators größter Wert darauf gelegt wurde, wie sich diese Menschenbilder – genau wie die Originale – im Raum bewegen. Im Grunde ist das ein antimoderner Ansatz, versuchte sich die Avantgarde doch gerade von jeglicher Bindung an tradierte Kontexte oder gar Ausstellungsräume zu lösen. Dennoch wagt Ingelheim den richtigen Vorstoß, da mit dem Spiel des Lichts durch die gazeverhängten Rundbogenfenster die Plastiken erst zu leben beginnen und keine Minute dieselben bleiben – skulptierter Impressionismus. Augenfällig wird das im Saal der Tanzenden: Wie Moses das Rote Meer teilt der Eintretende die Tänzer in zwei Flanken eines Dreiecks, die um ihn herum wogen. Rechts wirbelt Georg Kolbes Ballettgott „Vaslav Nijinski“ von 1914, bei dem man entgegen jeder Gewohnheit mit der Rückensilhouette beginnen sollte. Aus einem schlanken Strich in der Raumlandschaft entfaltet sich dann im Herumgehen wie ein Daumenkino ein Bewegungsablauf, der einem ganzen Ballettabend entspricht – nur eben in einer einzigen Figur kondensiert. Die porös stumpfe Patina Nijinskis scheint wie ein schwarzes Löschpapier alles Licht zu schlucken und zieht dadurch die Aufmerksamkeit magnetisch auf die Bewegungen des sehnigen Körpers.

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          Überhaupt wirkt der Raum der Tanzenden kontraintuitiv zum ehernen Material Bronze. Das liegt auch an den sieben Tänzerinnen Degas’, der als Maler ohnehin die Schönheit seiner hingeworfenen Pastelle in die skizzenhafe Modellierung seiner Tänzerinnen überträgt. Der im Alter fast blinde Degas knetet insbesondere die Rückenpartien seiner Figuren derart intensiv, als würde ein Fingerdruck dem nächsten den Weg über die Plastik weisen; wäre er zu Lebzeiten verbrechensauffällig geworden, hätten sich auf den Figuren ausreichend Fingerabdrücke des Künstlers gefunden. Parallel zu diesem Impressionismus der Oberfläche übersetzt auch Rodin die Flüchtigkeit und Zerrissenheit seiner Zeit in Torsierungen (die kopflose „Tänzerin H“ etwa) und scheinbar unfertige Zwischenzustände, zeigt sie an durch stehengelassene und nicht auspolierte Meißelspuren. In beiden, den in den Raum gekneteten Tänzerinnen Degas’ und in den Arbeitsspuren auf Rodins Marmorkörpern, die oft wirken, als hätte man sie in der Kaffeepause rasch aus dem Atelier geholt, verfängt sich das Auge. Es bleibt an den unruhigen Oberflächen ebenso wie in den Untiefen der Patina hängen. Der Betrachter kann gar nicht anders, als das sich wandelnde Fließen des milchigen Lichts über die Oberflächen zu verfolgen. Allerdings begeht der Kurator nicht den Fehler, den Raum in einen Ballsaal zu verwandeln, in dem nur ausgelassen gehüpft würde.

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