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Indischer Kunststar in Frankfurt : Alles ist im Innern

Pointiert, eigensinnig, umwerfend: Das Museum für moderne Kunst in Frankfurt zeigt die bisher größte Werkschau des prominenten indischen Künstlers Subodh Gupta.

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          Plötzlich ist da ein Rauschen im Museum. Ein gigantisch anmutender Haufen aus Geschirren - nicht aus Porzellan wie hierzulande -, aus Aluminiumtöpfen, -eimern, -pfannen, -schüsseln und -kellen, dazwischen ein einziger golden glänzender Messingeimer, füllt die Haupthalle des Museums. Aus dem Haufen ragen alte Hähne, aus jedem von ihnen fließt Wasser. „This is not a Fountain“ heißt Subodh Guptas Installation aus den Jahren 2011/13. Und plötzlich ist da Schönheit, eine alle Sinne berührende Formung; denn auch der Geruch der vielgebrauchten Gerätschaften scheint wahrnehmbar.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dann kommt die Erkenntnis: All diese Utensilien mit ihren Spuren sind einem Alltag entnommen, den eine große Fremdheit umgibt. Indien ist ein Land voller Schönheit, doch auf welchem weichblechernen, kargen Grund ruht sie auf? Der erste, gleichsam ethnographische Blick öffnet sich einer zweiten Wirklichkeit, hinter dem schönen Kunst-Schein. Es ist die Wahrheit einer Gesellschaft, gar nicht so fern von hier, wo sauberes Wasser nicht selbstverständlich im Alltag fließt.

          Subodh Gupta, 1964 in Khagaul, einer Stadt im Nordosten Indiens, geboren und aufgewachsen in der Tradition des Hinduismus, ist aber kein Belehrer, sondern ein Künstler, der den Alltag seiner Heimat vorzeigt, verwandelt in Kunst, voller warmer Nähe zu seinem Ursprung. Und zugleich ist Gupta, der in Patna am College of Arts & Crafts studiert hat, so kenntnisreich wie geistvoll, was die westliche Kunsthistorie angeht.

          Das belegt allein der Titel „This is not a Fountain“: Er weist hin auf Marcel Duchamps berühmtes Urinal „Fountain“ von 1917 und zugleich auf René Magrittes ebenso notorisches Bild „La trahison des images (Ceci n’est pas une pipe)“, das eine Pfeife zeigt, unter der geschrieben steht „Dies ist keine Pfeife“. Gupta ist das Gegenteil von naiv im Umgang mit seinem großen Thema, voller Anspielungen sind seine Arbeiten. Ihre sinnliche Kraft hat ihn seit gut einem Jahrzehnt zum weltweiten Kunststar aufsteigen lassen, zu einem Liebling des Kunstmarkts, auch das.

          Der Schädel im Treppenhaus

          Nun hat das MMK in Frankfurt die bisher größte Einzelausstellung des Künstlers in Europa eröffnet, in ähnlicher Zusammensetzung war sie zuvor in NeuDelhi zu sehen. Zum Glück ist es keine megalomane Veranstaltung geworden, sondern eine sorgfältige Werkauswahl, an der Subodh Gupta maßgeblich selbst mitgewirkt hat. So entstand keine Leistungsschau, sondern viel eher eine Retrospektive des bisherigen Schaffens, von den Anfängen in den achtziger Jahren bis in die Gegenwart. So sind Beispiele von Guptas überdimensionalen Objekten aus Edelstahl, die seinen Ruhm begründeten, nicht beherrschend.

          Es gibt in Frankfurt keinen riesigen hochglanzpolierten Eimer. Einzig sein aus hartmetallisch funkelnden Gerätschaften zusammengesetzter Totenschädel „Mind Shut Down“ (was ungefähr „Abgestürzter Geist“ heißt) von 2008 grinst von oben herab, eingeklemmt im Treppenhaus als eine zeitgemäß aufgedonnerte Erinnerung an die Endlichkeit, dabei starke Dekorationswirkung entfaltend, samt ironischem Gruß an Jeff Koons, den Herrn der spiegelnden Oberflächen des Post-Pop.

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