https://www.faz.net/-gqz-8akbs

Tomi Ungerer in Zürich : Hakenkreuz im Getriebe

„Den ganzen Ungerer“ will das Kunsthaus Zürich unter dem Titel „Incognito“ zeigen. Ausgestellt werden vor allem Collagen aus den vergangenen fünfzehn Jahren. Wo aber ist der Rest, der Ungerer berühmt gemacht hat?

          2 Min.

          Sein eigenes Museum hat er längst, Ausstellungen gab es zu Hunderten, doch nun ist Tomi Ungerer mit seinem Werk an einer der wichtigsten europäischen Adressen angekommen. Das Kunsthaus Zürich zeigt unter dem Titel „Incognito“ eine umfangreiche Auswahl. Und tatsächlich: Wüsste man nicht, mit wem man es hier zu tun hat, würde es einem der wichtigste Werkblock in dieser Ausstellung kaum verraten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn Ungerer, Jahrgang 1931 und zuletzt von vielerlei Krankheiten gebeutelt, hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren vor allem aufs Collagieren verlegt, und die Arbeit mit gefundenem fremdem Material lässt nur noch im Geschick der Kombination die Handschrift sichtbar werden, die wir alle kennen. Und natürlich in der Finsternis der Motive.

          Aber wo sind die Arbeiten, die Ungerer berühmt gemacht haben? Seine Bilderbuchillustrationen? Fehlanzeige; wie ein Alibiblatt hängt nur ganz zu Beginn eine Tuschezeichnung auf Transparentpapier zum „Großen Liederbuch“ von 1975. Die drastischen Bildreportagen oder Erwachsenenbücher wie „The Party“, „Fornicon“, „Das Kamasutra der Frösche“ oder „Schutzengel der Hölle“? Bestenfalls mit einzelnen Varianten vertreten, letztere beide gar nicht. Die Plakat- und Reklamearbeiten? Eine schmale Wand mit acht Bildern, sämtlich bestens bekannt und vielfach gezeigt, etwa vor fünf Jahren in der fulminanten Schwäbisch Haller Werkschau. Die damals das Verspielte im Schrecklichen und den Ernst im Spiel generell sichtbar machte, die dieses Jahrhundertschaffen auszeichnet. In Zürich spürt man dagegen nur bei Einzelobjekten, worin der Zauber Tomi Ungerers liegt.

          Das Museum setzt auf heiligen Ernst

          Und da überzeugen tatsächlich vorrangig die Fotomontagen, in die Ungerer mittlerweile den Hauptteil seiner kreativen Energie steckt. Manche lässt er über die Rahmen ausgreifen, mit darunter auf den Wänden aufgeklebten Tiefkühlhähnchen etwa, die das Fleischlich-Organische, das viele der Motive bestimmt, noch steigern.

          Einmal erlaubt sich die Ausstellung sogar einen Scherz – es ist leider der einzige im Umgang mit diesem so witzigen Werk – und verpasst einem Hocker für die Aufsicht ein solches Abzieh-Tiefkühlhähnchen. Ansonsten aber setzt das Museum in denkbar ungeeigneten, weil phantasielos eingeteilten Räumen auf heiligen Ernst – was den Verzicht auf die Kinderbücher wohl glaubwürdiger erklärt als der bemühte Versuch des Katalogs, dieses Versäumnis damit zu erklären, dass man mit dem unbekannten Collagisten gerade „den ganzen Ungerer“ zeigen wolle. Wo ist dann aber der Rest?

          Ein einziges winziges Detail wie das Hakenkreuz im chaotischen Getriebe eines Panzers, den Ungerer 1967 für ein Plakat gegen den Vietnamkrieg zeichnete, erklärt mehr von diesem Künstler und sein Bildgeschick als alle die thematisch beliebig („Mann und Frau“, „Ornament und Kritik“, „Stadt und Land“ und, ganz schlimm, „Fetisch und Humor“) betitelten Konvolute, die man uns in Zürich anbietet. Es fehlt der Einzelblick, den doch niemand auf die Welt so zu werfen versteht wie Ungerer. Wahrscheinlich fehlte auch der Künstler selbst weitgehend bei der Konzeption dieser Schau, obwohl das Gegenteil behauptet wird.

          Weitere Themen

          Lieben und lieben lassen

          Amazon-Serie „Modern Love“ : Lieben und lieben lassen

          Die Serie „Modern Love“ ist nach einer berühmten Kolumne der „New York Times“ entstanden. In ihr geht es stets um große Gefühle und das wahre Leben. Aber was für ein Leben ist das?

          Topmeldungen

          Trump und die Republikaner : Ein Ende der blinden Gefolgsamkeit?

          Nach wie vor steht die breite Mehrheit der Republikaner hinter Donald Trump. Doch einzelne Republikaner erwägen bereits, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Amerikas Präsidenten zu unterstützen. Sie bewegen sich dabei auf einem schmalen Grat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.