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Städtisches Kunstprojekt : Eine Galerie namens Teheran

  • -Aktualisiert am

Unter dem Motto „A gallery as big as a town“ bekommt man in Teherans Straßen derzeit Kunstwerke statt Werbung zu sehen. Hilft Bürgermeister Mohammad Baqer Ghalibaf damit vor allem sich selbst?

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          Teherans Oberbürgermeister Mohammad Baqer Ghalibaf hat seine Liebe zur Kunst entdeckt und die Stadt in eine Galerie verwandelt. Wo sonst für Banken oder südkoreanische Geschirrspülmaschinen geworben wird, ließ er Kunstwerke aufhängen – Picasso statt Konsumaufforderung. Zehn Tage lang sind 700 Werke iranischer und ausländischer Künstler auf 1500 Werbetafeln über die Stadt verteilt zu sehen. Der aus Teheran stammende Bildhauer und Maler Saeed Shahlapour ist der Kurator dieses Projekts. Bei der Auswahl der Kunstwerke sei er im Prinzip frei gewesen, habe aber einige Richtlinien befolgen müssen, erklärte er. So stand etwa von Anfang an fest, dass ein Großteil der Werke aus den Ateliers iranischer Künstler stammen sollte. Die übrigen 30 Prozent  zeigen die Gemälde und Fotografien ausländischer Künstler, darunter so große Namen wie Munch, Rembrandt, Picasso oder Henri Bresson-Cartier.

          Die kuratorischen Bemühungen des Verschönerungskomitees wurden in den sozialen Netzwerken begeistert aufgenommen. Das Interesse an berühmten Gemälden, die man sonst nur in den großen Museen dieser Welt zu Gesicht bekommt, scheint groß zu sein. Gegenüber der New York Times kündigten Einwohner der Stadt bereits an, von nun an öfter ins Museum gehen zu wollen.

          Wenn Kunstwerke auf diese Weise sichtbar gemacht und in den Alltag integriert werden, könnte dies tatsächlich die Sensibilität gegenüber Kunst im Allgemeinen erhöhen. Doch es stellt sich die Frage, worum es hier wirklich geht. Offiziell heißt es, Ghalibaf wolle allen Einwohnern Teherans Kunst zugänglich machen, da diese im Alltag zu beschäftigt seien, um in ein Museum oder eine Galerie zu gehen. Kultur für alle also? Der Bürgermeister als Kulturvermittler und Förderer der Künste? Der New York Times zufolge hat Ghalibaf anderes im Sinn: Teherans Bürgermeister sei als ehrgeiziger Politiker bekannt und bereite sich möglicherweise schon jetzt auf die Wahlen im nächsten Jahr vor.

          Eine eigene Form von Ehrlichkeit

          Es wäre nicht das erste Mal, dass Plakatwände eine Rolle in der iranischen Politik spielen. In den Jahren nach der Revolution von 1979 konnte man an prominenter Stelle religiöse Parolen lesen oder die Porträts von Märtyrern betrachten. 2013 hatte schon einmal ein breit angelegte Aktion im öffentlichen Raum weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt: Auf Plakatwänden in den Straßen Teherans war zu lesen, die Vereinigten Staaten würden ihre eigene Form von Ehrlichkeit entwerfen. Anlass waren die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm.

          Skepsis hinsichtlich Ghalibafs Absichten liegt noch aus einem anderen Grund nahe. Für das Projekt wurden  hauptsächlich bereits verstorbene iranische Künstler in Erwägung gezogen. Manche zeitgenössische Position könnte Widersprüche provozieren. Um das zu vermeiden, zeigt man lieber Werke des „Persischen Picasso“ Bahman Mohassess, Miniaturenmalerei des – noch lebenden – Mahmoud Farshchian und kunstvolle Teppiche. Alle Werke mussten von den Behörden geprüft werden, bevor sie an den Werbetafeln aufgehängt wurden. Auch in Teheran ansässige Galerien müssen vor jeder Ausstellungseröffnung die Erlaubnis der zuständigen Behörden einholen. Das betrifft auch das Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran, das eine beachtliche Sammlung moderner Kunstwerke besitzt. Darunter befinden sich Werke von Jackson Pollock, Francis Bacon, Andy Warhol und Mark Rothko, die mehr als 30 Jahre lang Staub ansetzten, bevor einige von ihnen 2012 in einer Ausstellung zum Thema Pop Art und Op Art gezeigt wurden. Die Zensur hatte die Gemälde aus verschiedenen Gründen nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen – etwa, weil sie pornographisch seien.

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