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Neues Victoria & Albert Museum : Hoffnung auf den Bilbao-Effekt

  • -Aktualisiert am

Ein Museumstanker gegen den industriellen Niedergang: das neue Victoria and Albert Museum in Dundee vom japanischen Architekten Kengo Kuma. Bild: © Hufton Crow

Aufschwung Nord: Im schottischen Dundee schafft ein Ableger des Victoria and Albert Museums das, was dem Guggenheim in Bilbao gelungen ist. Ob es reicht, um der Region einen dauerhaften kulturellen Antrieb zu geben?

          Mehr als hundert Jahre lang beherrschte ein kurioser Triumphbogen das Hafengebiet von Dundee. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts errichtet zum Gedenken an einen Besuch Königin Viktorias in der damals florierenden Industriestadt an der Mündung des Tay, war der Bau mit seinem romanisch-gotischen Stilgemisch ein Wahrzeichen, das Selbstbewusstsein ausstrahlte. Als das inzwischen von Ruß und Taubendreck besudelte Tor Anfang der sechziger Jahre gesprengt wurde, um Platz zu machen für die Zubringer der neuen Ringstraße, die das Zentrum brutal vom Wasser trennte, wurden die Trümmer zur Landgewinnung in den Fluss geschüttet, als wolle die verfallende Industriestadt die Spuren der Geschichte tilgen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Jetzt hat Dundee wenige hundert Meter von dem Standort des zermalmten viktorianischen Bogens mit dem ersten britischen Außenposten des sich auf Expansionskurs befindenden Londoner Victoria and Albert Museums ein neues Wahrzeichen bekommen. Der markante Entwurf des japanischen Architekten Kengo Kuma für das „V&Tay“, wie die Werbung das Design-Museum in kalauernder Verschmelzung der gängigen Abkürzung V&A mit dem Tay tituliert, ist am Wochenende nach langen Verzögerungen und Streit über die Kosteneskalation von ursprünglich angesetzten 45 Millionen Pfund auf mehr als achtzig Millionen Pfund eröffnet worden. Sowohl Dundee als auch das V&A begehen mit diesem Gemeinschaftsprojekt Neuland. Nach dem zunächst auf 25 Jahre befristeten Arrangement wird das Museum nicht als Zweigstelle, sondern in eigener Regie geführt und von der schottischen Regierung subventioniert. Die Londoner Zentrale steuert neben dem Markennamen lediglich Fachwissen und Exponate bei.

          Die Perspektive durch internationalen Anspruch erweitern

          Ganz im Sinne der Gründungsidee des Mutterhauses, das im neunzehnten Jahrhundert konzipiert wurde, um die Qualität von Massenprodukten durch geschmackliche Bildung zu steigern, soll der Neubau als Schaukasten für Handwerk und Design eine Quelle der Belehrung und Anregung sein zur Förderung der Kreativität. Dahinter steht freilich auch der Ehrgeiz, die Perspektive durch Inhalte von internationalem Anspruch und lokaler Relevanz zu erweitern und in dieser Hochburg der schottischen Nationalpartei dem „introspektiven, provinziellen Nationalismus“ entgegenzuwirken, wie Tristram Hunt, der Direktor des V&A, es formulierte. Vor allem erhofft sich Schottlands viertgrößte Stadt von dem Repräsentationsbau die gleichen Impulse, die Frank Gehrys Guggenheim-Museum Bilbao bescherte. Kuma legt allerdings Wert auf die Unterscheidung zwischen seiner Suche nach Harmonie mit dem natürlichen und gebauten Umfeld und Gehrys effekthascherischem Stil.

          In den Hochzeiten des Empire stieg die Stadt an der schottischen Ostküste dank ihrer Walfangflotte zum Weltzentrum der Verarbeitung indischer Jute auf, denn der Tran, der als Brennstoff für Lampen verwendet wurde, diente auch der Aufweichung der groben Jutefaser. Petroleum und der Einbruch der Jutefabrikation aufgrund noch billigerer Arbeitskräfte und der Industrialisierung in Indien trugen seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts zum Niedergang des Walfanges bei, der sich wiederum auf den Schiffbau auswirkte. Andere Produktionszweige wie die Herstellung von Orangenmarmelade, eines der drei „Js“, „jute, jam and journalism“, für die Dundee berühmt ist, erlitten im Zuge des zwanzigsten Jahrhunderts ähnliche Rückgänge. Von diesen Kernindustrien ist, wenn auch geschrumpft, einzig der Journalismus geblieben.

          Die knapp 150.000-Einwohner-Stadt, die mit 64,1 Prozent die niedrigste Beschäftigungsrate des Vereinigten Königreiches aufweist, hat sich trotz der erfolgreichen Umsattlung auf Biowissenschaften und Kreativbranchen, insbesondere Videospiele, mit den Folgen der Deindustrialisierung schwergetan. Diese sind allenthalben zu sehen: am zugebretterten Zollhaus, dessen Umgestaltung in ein Hotel auf sich warten lässt, am gegenüberliegenden Seemannsheim, an den rissigen Fassaden verlassener viktorianischer Gebäude, aus denen Sträucher wuchern.

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