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Der Stein- und Holzbildhauer Johann Georg Pinsel schuf 1758 diese Skulptur der Opferung Isaaks. Bild: Nationalgalerie Lemberg

Kunst in Lemberg : Kronjuwelen brennen nicht

  • -Aktualisiert am

In den Lemberger Kunstmuseen entdeckt der Besucher wahre Schätze. Sie mussten gleich vor zwei Besatzungsmächten gerettet werden.

          Lemberg, die Kulturhauptstadt der Ukraine, bekräftigt den Anspruch des Landes, Teil Europas zu sein, schon durch ihre Kunstschätze. Die staatlichen Sammlungen umfassen byzantinische Altertümer, Ikonen einer originellen regionalen Tradition, kernige frühe Porträts, aber auch hochklassige europäische Malerei sowie Hauptwerke eines ebenso überragenden wie rätselhaften Bildhauers der osteuropäischen Gegenreformation. Die vielfältigen, über mehrere Häuser verteilten Exponate zeugen hier von barock überformten Wurzeln in der Kiewer Rus, da vom Geschmack polnischer Magnaten, dort von der Weltläufigkeit des Habsburgerreiches, dessen Flair die Stadt bis heute besitzt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Kriege des vorigen Jahrhunderts haben freilich tiefe Wunden hinterlassen. Lemberg, in der Zwischenkriegszeit ein Teil von Polen, wurde durch den Hitler-Stalin-Pakt sowjetisch, bald jedoch von Nazi-Deutschland besetzt, das die jüdische Bevölkerung nahezu vollständig auslöschte, aber auch Ukrainer und Polen in Konzentrationslager warf. Wegen der Grenzänderung nach dem Ersten Weltkrieg brachten Emigranten einen Teil der Kulturgüter nach Polen. Vieles verschleppten jedoch die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, etwa jene 24 Dürer-Zeichnungen, die die polnische Fürstenfamilie Ljubomirski im neunzehnten Jahrhundert für ihr Lemberger Privatmuseum gestiftet hatte und die Hitler seinem Linzer Museum einverleiben wollte. Nach Kriegsende landeten die Blätter im amerikanisch kontrollierten Collecting Point in München. Als 1947 der in der Schweiz lebende Fürst Georg Ljubomirski Anspruch auf sie erhob, gaben die Amerikaner dem statt, wohl wegen des beginnenden Kalten Krieges und weil der Fürst erklärt hatte, er wolle die Bilder der Washingtoner National Gallery schenken. Dann ließ Ljubomirski aber die Blätter versteigern, die heute über mehrere Museen in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, Großbritannien und Kanada verstreut sind.

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          Nur vereinzelte Kostbarkeiten kamen aus Übersee zurück, und zwar aus dem Nachlass des Archäologen Jaroslaw Pasternak, der zur Zeit der deutschen Besatzung die Lemberger Staatssammlung von Altertümern leitete. Pasternak, der noch in der österreichischen Armee gedient und außer in Galizien in Prag gegraben und gelehrt hatte, war mit der abrückenden Wehrmacht über Polen nach Deutschland geflohen und später nach Kanada emigriert. Spätere ukrainische Historiker warfen ihm vor, er habe mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Doch dafür gebe es keine Anhaltspunkte, versichert die Lemberger Kunstwissenschaftlerin Olga Perelygina, die über Pasternak geforscht hat. Der Gelehrte habe alles getan, um die ihm anvertrauten Kulturgüter für sein von Besatzern überrolltes Land zu retten. Dafür spreche, dass er die wertvollsten archäologischen Schätze – gut fünfzig antike Gold- und Silberschmuckstücke – dem professionell wie ethisch über jeden Zweifel erhabenen Direktor des Nationalen Kunstmuseums, Ilarion Swenzitzki, anvertraute, der sie nach Kriegsende intakt dem staatlichen Museumsfonds aushändigte. 1991 wurden sie wieder in die Sammlung des Historischen Museums integriert. Pasternak nahm allerdings aus der Staatssammlung einen mit Emaildekor versehenen byzantinischen Schläfenanhänger aus Gold und eine Reliefdarstellung eines altrussischen Fürsten aus Elfenbein, beide aus dem zwölften Jahrhundert, in seinem Privatgepäck mit. Perelygina sieht darin dennoch vor allem eine „Rettung“. Der Gelehrte, der in Armut gelebt habe, hätte die Kleinodien teuer verkaufen können, was er nicht tat. Stattdessen verfügte er in seinem Testament, die beiden Stücke seien der Ukraine zurückzugeben, sobald sie unabhängig sei. 1997 wurden sie von einer Kanadierin mit ukrainischen Wurzeln dem Lemberger Historischen Museum übereignet und sind seitdem in dessen Schausälen am Marktplatz zu bewundern.

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