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Ausstellung zum dunklen Barock : Das Universelle des krisenhaften Moments

  • -Aktualisiert am

Die Gegenwart der Vergangenheit in einer grandiosen Schau: Luc Tuymans schwenkt in Antwerpen die blutrote Fahne des Barocks und erkundet verstörende Parallelen zur Gegenwart.

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          Luc Tuymans gehört zu jenen Malern, die sich nur ungern auf das etwas einseitige Zwiegespräch mit der Leinwand verlassen. Politisch wach und angriffslustig, wie er ist, sucht er den Austausch, mit toten und lebenden Gleichgesinnten. Mit den Letzteren gelingt der Dialog immer seltener, so der Belgier. Die zunehmende Hektik des Kunstbetriebs lasse den kollegialen Gedankenfluss stocken. Ein Grund mehr, um von dem Kuratieren nicht abzulassen.

          Im Jahr 2010 verdankte Brügge dem umtriebigen Brückenschlager erhellende Schlaglichter auf die Kunst Mitteleuropas. Die Schau „The Reality of the Lowest Rank“ setzte in fünf historischen Gebäuden Werke von Tadeusz Kantor, Bruno Schulz, Alina Szapocznikow oder Jan Švankmajer in Analogien mit der Westkunst eines Andy Warhol, Alex Katz oder der exzentrischen Quay Brothers.

          „Sanguine/Bloedrood“, die Neuauflage in Tuymans’ Heimatstadt Antwerpen, greift nun das bewährte Konzept eines assoziativen Klassentreffens auf, beschränkt sich aber auf einen einzigen Ort. Das M HKA (Museum der Zeitgenössischen Kunst von Antwerpen) stellt im Rahmen des Stadtfestivals „Antwerpen Barock 2018. Rubens inspiriert“ nicht nur eine ganze Etage mit mehreren ineinandergreifenden Räumen zur Verfügung.

          Jetzt muss auch Europa handeln

          Unweit des Vorplatzes betritt man ein schwarzes Kuppelzelt, in dem „Five Car Stud“, eine legendäre Skulptureninstallation von Edward Kienholz, nach vier Jahrzehnten der Unsichtbarkeit in einer japanischen Sammlung eine schaurige Aktualität entwickelt. Als Teil eines bühnenhaft ausgeleuchteten, beinahe filmisch bewegten „Gemäldes“ mutiert der Besucher zum Statisten einer Kastration. Das Opfer der extremen Gewalt ist ein junger Afroamerikaner im Süden der Vereinigten Staaten. Außer der Hautfarbe besteht sein Vergehen darin, eine Liaison mit einer Weißen eingegangen zu sein. „Wäre es nicht Luc, der die Einladung ausgesprochen hat“, so Nancy Reddin Kienholz, „hätte ich nicht angenommen. Wir dachten damals, das Problem des Rassismus beträfe nur die Vereinigten Staaten. Jetzt muss auch Europa handeln. Der Mensch lernt nichts aus der Geschichte.“

          „Five Car Stud“ von Edward Kienholz (1969) zeigt eine Kastration als Extremform rassistischer Gewalt.
          „Five Car Stud“ von Edward Kienholz (1969) zeigt eine Kastration als Extremform rassistischer Gewalt. : Bild: dpa

          Für den vorbildlich vernetzten Künstler-Kurator gilt das natürlich nicht. Er fahndet im Rubensjahr nach Parallelen zwischen der von Kriegen und religiösen Konflikten geprägten Epoche des Barocks und den Bruchstellen der Jetztzeit. Ein auf den ersten Blick ungewöhnlicher Spagat, den der begnadete Erzähler mit beachtlichen Leihgaben flankiert. Neben Zurbarán, van Dyck, Jordaens und Rubens ist Caravaggio mit gleich zwei Schlüsselwerken vertreten, was auch daran liegen mag, dass sich Tuymans dem unangepassten Italiener näher fühlt als dem schon zu Lebzeiten von den Mächtigen und Reichen hofierten Rubens.

          „David mit dem Kopf von Goliath“, des Kurators liebster Kandidat, hat den Weg von der Villa Borghese in Rom nach Flandern zwar nicht gefunden. Das Gemälde ist schlicht zu zerbrechlich. Aus Florenz reist aber immerhin „Knabe, der von einer Eidechse gebissen wird“ von 1595 an. Neapel steuert „Die Geißelung Christi“ aus dem Jahr 1607 bei. Dass die Schau im Oktober in veränderter Form in die Fondazione Prada nach Mailand wandert, erwies sich sicherlich als hilfreiches Argument für den Umzug des hochkarätigen Duos in den Norden.

          Kurator Luc Tuymans fahndet nach Parallelen zwischen der von Kriegen geprägten Epoche und zeitgenössischer Kunst.
          Kurator Luc Tuymans fahndet nach Parallelen zwischen der von Kriegen geprägten Epoche und zeitgenössischer Kunst. : Bild: dpa

          Ein Glücksfall ist er allemal, denn nicht zuletzt die Anwesenheit dieses Titanen ermöglicht die produktive Reibung mit Werken der Gegenwartskunst. Etwa im Fall der 13 Meter langen abstrakten Bodenskulptur „Circa Tabac“ von Carla Arocha & Stéphane Schraenen. Ineinandergeschraubte Dreiecke aus Spiegeln sorgen dafür, dass die alten Meister – darunter auch die auf Überwältigung setzenden Heiligenfiguren von Johann Georg Pinsel aus einer Kirche in der Ukraine – in dem kaleidoskopischen Kunstwerk reflektiert werden, als wäre die Welt von damals in das heillos fragmentierte Chaos von heute geraten.

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