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Winckelmann zum 300. : In allen Winkeln Altertümer

Bildnis Johann Joachim Winckelmanns von Anton Raphael Mengs Bild: mauritius images

Mit seinen Schriften wurde dem Klassizismus der Weg in Deutschland geebnet. Dieser prägte dann die Skulptur und Architektur bis ins 20. Jahrhundert. Zum 300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmanns.

          2 Min.

          Bei Johann Joachim Winckelmann könnte leicht eine Szene aus Monty Pythons Sandalen-Satire „Life of Brian“ in den Sinn kommen: Ein Aufrührer der Volksfront von Judäa fragt dort polemisch in die Runde der Rebellen, was denn die Römer als Okkupatoren seinem Volk eigentlich gebracht hätten, nur um postwendend in der Flut der aufgezählten Segnungen unterzugehen. Ähnlich verhält es sich mit Winckelmann, dem Vater der Klassischen Archäologie, der heute vor dreihundert Jahren in Stendal geboren wurde. Überspitzt formuliert hat er mit seinen Schriften dem Klassizismus in Deutschland den Weg geebnet. Statuen und selbst Gebäude vom achtzehnten Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus sind maßgeblich von der in seinen Werken propagierten Ästhetik geprägt. Wenn der bayerische König Ludwig I. noch fast sechzig Jahre nach Winckelmanns Tod den mittelalterlich bunt ausgemalten Bamberger Dom weiß tünchen lässt, um einen marmorweißen antikischen Tempel zu erhalten, geht dies auf des Archäologen Hauptschrift „Geschichte der Kunst des Altertums“ von 1764 und die Verankerung einer reinweißen Antike im Bewusstsein der Zeitgenossen zurück. Das Bemalen von Marmor galt Winckelmann als „barbarische Sitte“, und zahlreiche von ihm beeinflusste Bildhauer wie Canova oder Thorvaldsen hielten sich streng an diese Aseptisierung einer idealisierten Antike.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Jüngst hat der mexikanische Historiker Oscar Flores in einem Vortrag zeigen können, dass über die Versendung der luxuriösen Bände Winckelmanns vom Madrider Königshof und dessen Hofkünstler Anton Raphael Mengs aus auch die Neue Welt, ihre Künstler und Auftraggeber, rasch von einem klassizistischen Winckelmann-Fieber erfasst wurden. Wenn Goethe 1805 eine Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“ betitelt, ist dies entsprechend keine Übertreibung, sondern beschreibt nur die von diesem geprägte Weimarer Klassik und den Geist seiner Zeit, diesseits wie jenseits des Atlantiks.

          Tiefe Ablehnung des Überwältigungsbarocks

          Was Winckelmann für die Disziplin Archäologie geleistet hat, ist ausführlich untersucht. Sein Beitrag für eine global verstandene Geschichte der Kunst hingegen blieb unterbelichtet. Als Grundschrift einer übernational offenen und sich nicht auf eine einzige Epoche kaprizierenden Kunstgeschichte gilt bislang Franz Kuglers Formel „Alle Völker, alle Zeiten“, die jener freiheitlich gesinnte Forscher 1842 in seiner „Geschichte der Kunst“ vorstellte. Winckelmann indes definiert die Aufgabe der Kunstgeschichte bereits fast hundert Jahre zuvor wortgleich, dass sie „den Ursprung, das Wachsthum, die Veränderung und den Fall derselben, nebst dem verschiedenen Stile der Völker, Zeiten und Künstler lehren“ solle.

          Blick in die Ausstellung „Winckelmann. Moderne Antike“ im Neuen Museum in Weimar

          Wie seine Begeisterung für die edle und stille Schlichtheit der griechischen Klassik wohl auch einer tiefen Ablehnung des ihn allenthalben umgebenden Überwältigungsbarock seiner Zeit entspringt, so scheint seine Begierde nach sinnlicher Kunst zumindest in Teilen aus seinem wenig kunstaffinen Umfeld als Kind und seiner Herkunft als Sohn eines bitterarmen Schuhmachers in Stendal gespeist. Der gut gebaute Johannes der Täufer, der als lebensnah bemalte Holzfigur die Kanzel der Petrikirche an seinem ersten Arbeitsort Seehausen stützt, ist in einer späteren Erinnerung seine erste bewusste Begegnung mit Kunst: am Ende seines Lebens kommt sie ihm wie der Schlitten „Rosebud“ in Orson Welles „Citizen Kane“ als erste große Liebe wieder in den Sinn. Und tatsächlich weist die Atlantenfigur einen erstaunlich gekonnt ausponderierten Kontrapost all’antica auf.

          So viel Winckelmann wie derzeit war nie. Ausstellungen in seiner Geburtsstadt Stendal, seinem zeitweisen Wohnort Berlin oder etwa Weimar sind oder waren zu sehen, weitere schließen sich nächstes Jahr zu seinem 250. Todestag an mit Themen wie „Winckelmann und Tecumseh – die Indianerbildnisse des Bildhauers Ferdinand Pettrich“ in Stendal, „Lessing und Winckelmann“ in Kamenz oder „Winckelmann, der Klassizismus und die Kunst der Moderne“ in Halle. Zeitlos gültig, weil ebenfalls der Antike entlehnt, bleibt sein Monitum an „Alle Künste“, sie sollen „vergnügen und zugleich belehren“. Die Re-Lektüre des Geburtstagskinds erfrischt und bereichert auch dreihundert Jahre später noch immer.

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