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Impressionismus in Berlin : Auf zur Parade der Augenschmeichler

  • -Aktualisiert am

Während die Berliner Avantgarde sich auf der documenta und anderswo trifft, wird sich die Hauptstadt ab dem 1. Juni ganz dem klassischen Kunstglück hingeben. Das New Yorker Metropolitan Museum hat seine atemberaubenden Impressionisten nach Berlin geschickt.

          Wer dieser Tage in Berlin an der Neuen Nationalgalerie vorbeikommt, kann im Zentrum von Mies van der Rohes gläsernem Tempel eine mächtige Skulptur erahnen, die sich bei genauerem Hinsehen als Rodins „Bürger von Calais“ erweist. Es ist das erste von rund hundertfünfzig französischen Meisterwerken aus der Sammlung des New Yorker Metropolitan Museum of Art, die vom 1. Juni an für vier Monate in Berlin zu sehen sein werden.

          Noch steht das bronzene Begrüßungskomitee, angereist aus dem texanischen Houston, einsam in der weiten Halle, umgeben nur von leerem Raum. Dabei wird es nicht bleiben. Bald wird sich die Galerie mit Besuchern füllen, mutmaßlich mit Massen von Besuchern. In die Hunderttausende gehen die Schätzungen, und sollten sich diesmal keine Schlangen um die Nationalgalerie wickeln wie bei der irrwitzig erfolgreichen MoMA-Schau vor drei Jahren, dann wird das wohl als Enttäuschung verstanden werden.

          Versuch über die Planbarkeit des Erfolgs

          Während die Berliner Avantgarde in diesem Sommer für ein paar Monate in die Ferne zieht - nach Hannover, auf die documenta, zur Skulpturenschau nach Münster, auf die Messe in Basel, zur Biennale nach Venedig -, wird sich die Hauptstadt bis Anfang Oktober ganz dem klassischen Kunstglück hingeben. Atemberaubend schöne Bilder kommen aus New York, weil deren Säle am Central Park gründlich renoviert werden müssen. „Niemals zuvor in der Geschichte des Metropolitan haben wir so viele unserer Schätze verliehen, von denen manche das Haus überhaupt zum ersten - und höchstwahrscheinlich auch zum letzten - Mal verlassen“, hat Philippe de Montebello, der selbstbewusste Direktor des Metropolitan, die Erwartung mächtig angeheizt. Feinste Augenschmeichler sind darunter, Lieblingsmotive und alte Bekannte - von Manet, Degas, Pissarro, Monet, Cézanne, Gauguin und Matisse. Wenn nicht die Erde bebt oder der Himmel einstürzt, kann die Ausstellung eigentlich gar nicht floppen. Die hundertfünfzig Franzosen, professionell in den Markt gedrückt wie eine neue boy group, werden die Massen so magnetisch anziehen wie ein Eisstand im Freibad bei dreißig Grad.

          Tatsächlich ist die Veranstaltung vor allem ein Versuch über die Planbarkeit des Erfolgs von Kunstausstellungen: MoMA - die Zweite. Wahrscheinlich ist es müßig, über die Sinnhaftigkeit solcher Events nachzugrübeln. Sie funktionieren wie „Fluch der Karibik 3“ nach dem Gesetz der Serie - die Wiederholung eines Verkaufsschlagers, orchestriert mit allen Kniffen des Marketings. Schon seit Tagen ist Berlin mit riesigen Luftpostumschlägen tapeziert, die überall an Bushaltestellen und auf Werbetafeln herumhängen und für den Import aus New York trommeln. Weit mehr als tausend Plakate hat Berlins Reklamemogul Hans Wall spendiert, um die Impressionistenschau ins Bewusstsein der kunstverwöhnten Hauptstädter zu rücken. Offenbar mit guten Resultaten. Noch ist die Ausstellung nicht eröffnet, da dröhnen die Pressemitteilungen schon von „überwältigenden“ Erfolgen. Nach nur drei Tagen waren die zweitausend geplanten Führungen komplett ausverkauft, zudem gibt es schon jetzt eine ganze Reihe von Tagen, für die keine Karten mehr zu haben sind, nicht einmal VIP-Tickets für dreißig Euro, die einen „stressfreien und angenehmen Besuch“ garantieren sollen.

          Der schnelle Erfolg verändert die Museen

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