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Ausstellung „ImEx“ in Berlin : Niemand malt auf einer Insel

Eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie von Berlin sucht das Verbindende zwischen Impressionismus und Expressionismus – und will neue Pfade durch die Kunstgeschichte der Moderne schlagen.

          Adolph Menzel, so heißt es, sei entgeistert gewesen über das, was man ihm strahlend als die Zukunft der Kunst präsentierte, und so verwirrt von der allgemeinen Zustimmung zu diesem Farbengeflimmer, dass er alle guten Sitten vergaß. Es war das Jahr 1882, man befand sich in der Wohnung des Juristen Carl Bernstein und seiner Frau Felicie, die gerade aus Paris zurückgekehrt waren und dort die neueste Kunst gekauft hatten: Manet, Degas, Monet, Sisley. Diese Bilder, soll Menzel – so schreibt es sein Kollege Liebermann später auf – zur Gastgeberin gesagt haben, seien ganz und gar scheußlich und „Dreck“. Wer ähnlich malte, durfte sich des Grolls der Regierenden sicher sein; berühmt ist Kaiser Wilhelms Ausspruch, der Maler Walter Leistikow habe ihm mit seinen impressionistischen Abendlichtbildern „den ganzen Grunewald versaut“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotz solch schriller Kritiken (man fragt sich angesichts der Zitate, die im hervorragenden Katalog zu finden sind, was für ein Ton im angeblich so kultivierten Berlin der Gründerzeit geherrscht haben mag) wurde Leistikow schnell zum teuersten Maler Berlins, und in den folgenden Jahren zogen immer mehr deutsche Sammler und Museumsdirektoren nach Paris, um Impressionismus zu kaufen – unter ihnen Hugo von Tschudi, der 1896 zum Direktor der Berliner Nationalgalerie ernannt worden war.

          Blockbuster-Ausstellungen jagen um den Globus

          Dort ist ab heute eine Ausstellung zu sehen, die auch vom reichen Fundus an Gemälden aus der eigenen, damals zusammengetragenen Sammlung profitiert. Ihr Titel ist „ImEx“, was einerseits für Impressionismus und Expressionismus steht, andererseits an die Schilder in den Lagerhallen der Vorstädte erinnert, wo die Abkürzung „Im- und Export“ meint. Eine Ausstellung zu beiden Kunstrichtungen so zu nennen könnte man auch als einen selbstkritischen Kommentar auf das globale Verleihsystem lesen, das die immergleichen Meisterwerke aus allen Museen der Welt zu Blockbuster-Ausstellungen vereint und um den Globus jagt – und so auch ein kunsthistorisches Narrativ zementiert.

          Kaum eine Kunstrichtung wurde so national aufgeladen wie der angeblich in Abweisung des „französischen“ Impressionismus entstandene deutsche Expressionismus. Der Maler Ludwig Meidner dekretierte 1913: „Die impressionistische Verschwommenheit und Verundeutlichung nützt uns nichts. Die überkommene Perspektive hat keinen Sinn mehr für uns und hemmt unsere Impulsivität.“ Herwarth Walden, Gründer der Galerie und der gleichnamigen Zeitschrift „Der Sturm“, erklärte, es habe eine „Kunstwende“ stattgefunden. All dies war natürlich auch Teil einer Profilierungsstrategie junger Künstler in einem nationalistisch geladenen Klima: Wir sind total neu. Wir sind deutsch, nicht französisch. Wir sind tief und scharf, nicht oberflächlich und flirrend. Wir kommen von innen, nicht von außen.

          Die Berliner Ausstellung, die 170 Werke zusammenträgt, hat sich zum Ziel gesetzt, diese Erzählung aufzubrechen, indem sie die Werke nicht chronologisch, als Belege einer angeblich linearen stilgeschichtlichen Entwicklung vom Impressionismus zum Expressionismus sortiert, sondern thematisch: Badende. Vergnügen. Interieurs. Beziehungen. Stadt, Vorstadt, Passanten. Und diese Gegenüberstellung legt offen, wie stark Parallelen, Einflüsse, Kontinuitäten waren, wie wenig einerseits nationale und andererseits psychologisierende Sortierungen in „Ausdruck innerer Zustände“ und „Wiedergabe äußerer optischer Phänomene“ verfangen.

          Meist wie ein Familientreffen

          Renoirs spätimpressionistische „Badende“ aus Wien erscheint plötzlich als auf seine Weise „expressionistisches“, im Atelier ersonnenes, ebenso eher innere Welten spiegelndes Phantasiewesen wie Pechsteins tahitianisch wirkende Strandbesucherin von Nidden. Der Vergleich von Kirchners Potsdamer Platz, Pissarros Boulevard Montmartre und den dunklen Berlin-Bildern von Lesser Ury zeigt, wie beide das Durcheinanderschiebende, Strömende und Flackernde der Großstadt zu fassen versuchen. Kirchners „Badende am Strand“ und Liebermanns „Badende Knaben“ sind vergleichbare Versuche, das Gefühl des in die Wellen eintauchenden Körpers im Bild sichtbar zu machen; bei Liebermann tritt das dicke Weiß der Farbe aus dem Bild hervor, als schäume die Farbe selbst, bei Kirchner werden die Wellen zu flüssigen Gebirgsketten mit eiskalten Schaumgipfeln.

          Wer der kuratorischen Versuchsanordnung, die mal besser, mal schlechter funktioniert, nicht immer folgen mag, kann sich trotzdem auf Entdeckungen freuen. Die Fadheit vieler Großausstellungen zu Im- und Expressionismus hatte ihren Grund auch in der Überexposition der immergleichen Werke: schon wieder Seerosen und flimmernde Kathedralen, gelbe Badende an mitteldeutschen Gewässern und hingezackte Tiere mit danebengeschraubten Rilke-Zitaten. Ausstellungen zum Im- wie Expressionismus erinnern meistens an Familientreffen: Überall bekannte Gesichter, links Onkel Edouard, in der Mitte Claude, im Raucherzimmer, mit gelben Gesichtern, Onkel Franz und August aus Mitteldeutschland, und wo die Frauen sind, weiß keiner. Das ist in der Berliner Ausstellung anders.

          Die Kuratoren Angelika Wesenberg und Philipp Demandt zeigen die sogenannten Meisterwerke beider Stilrichtungen – Manets Fliederstrauß, Gauguins Fischerinnen und Cézannes Badende, Noldes Papua-Jünglinge – zusammen mit kaum bekannten Werken, die eine andere Geschichte der Großstadtmalerei jenseits von Im- und Expressionismus sichtbar werden lassen: Aus dem Bestand der Nationalgalerie wird Maria Slavonas Blick auf die von der Moderne gerade noch verschonten „Häuser am Montmartre“ gezeigt. Vor Auguste Chabauds ungewöhnlichem Nachtbild „Mädchen mit der roten Krawatte“ steht man und kann nicht glauben, dass es nicht in den achtziger Jahren, sondern 1907 gemalt worden sein soll. Von Erma Bossi ist das Gemälde „In der Oper“ von 1910 zu sehen: Mehrere Frauen sitzen dort in einer Loge, im Hintergrund schimmert die dunkle Masse der Zuschauer, und das Theater glüht mindestens so warm und surreal wie Kirchners Welten; von diesem Bild scheint ein direkter Weg zu den Großstadtbildern Hoppers zu führen.

          Eine andere Erzählung der Klassischen Moderne

          Gerade die weniger bekannten Werke lassen Umrisse einer Kunstgeschichte jenseits der linearen Heldengeschichte der Blockbuster-Schauen erkennen und neue Phänomene entdecken: Sichtbar wird in der Berliner Neusortierung etwa der Hang einiger Künstler beider Stilrichtungen zum Bizarren, zu Vorformen des Surrealen. Es gibt frühe, fast abstrakte Schwarzgemälde von Dix zu sehen, in deren Farben Knaller eingebettet zu sein scheinen, die direkt vor dem Auge hochgehen – und nicht weit davon Hans Looschens „Altperuanische Gräberfunde von 1905“ („Nee! Das ist mir zu gruselech“, erklärte eine dem Ton nach aus Norddeutschland eingereiste Dame und flüchtete sich vor eine impressionistische Blumenwiese).

          Eine der schönsten Sektionen widmet sich dem Interieur, wo besonders die Kontinuität der Motive sichtbar wird: Berthe Morisot malt 1876 eine Frau vor dem Spiegel, Schmidt-Rottluff 1915 ein kompositorisch ganz ähnliches Bild. Der Ausstellungskatalog erklärt das Interieur als Ort bürgerlicher Zurückgezogenheit und Abschottung vom außen. Man könnte die Spiegelbilder aber auch ganz anders lesen – als Aufweichung der Grenzen von innen und außen, Fiktion und Realität: Ist das hier ein Spiegel oder ein Fenster nach draußen? Ist die Figur ein Spiegelbild oder ein Doppelgänger?

          Ausgerechnet im Privatraum gibt es eigenartige Begegnungen mit einem Fremden, der man vielleicht selbst ist – so wie in Paul Valérys Novelle „Monsieur Teste“, deren Held Privatheit und Einsamkeit im öffentlichen Raum, in der Loge des Theaters findet, während es in seinem Zimmer zu einer seltsamen Begegnung mit einem Gast kommt, in deren Verlauf Monsieur Teste erklärt, er werde sich jetzt schlafen legen, der Besucher könne jedoch noch bleiben. In diesen Räumen der Literatur und der Malerei ist der Spiegel ein seltsames Fenster in eine Welt, in der eine andere Ordnung gilt. Was in gewisser Weise in ihren besten Momenten auch diese Ausstellung schafft: Was zunächst aussieht wie der immergleiche Spiegel der Kunstgeschichte, ist hier ein Fenster in eine andere Erzählung der Klassischen Moderne.

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