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Ausstellung „ImEx“ in Berlin : Niemand malt auf einer Insel

Eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie von Berlin sucht das Verbindende zwischen Impressionismus und Expressionismus – und will neue Pfade durch die Kunstgeschichte der Moderne schlagen.

          5 Min.

          Adolph Menzel, so heißt es, sei entgeistert gewesen über das, was man ihm strahlend als die Zukunft der Kunst präsentierte, und so verwirrt von der allgemeinen Zustimmung zu diesem Farbengeflimmer, dass er alle guten Sitten vergaß. Es war das Jahr 1882, man befand sich in der Wohnung des Juristen Carl Bernstein und seiner Frau Felicie, die gerade aus Paris zurückgekehrt waren und dort die neueste Kunst gekauft hatten: Manet, Degas, Monet, Sisley. Diese Bilder, soll Menzel – so schreibt es sein Kollege Liebermann später auf – zur Gastgeberin gesagt haben, seien ganz und gar scheußlich und „Dreck“. Wer ähnlich malte, durfte sich des Grolls der Regierenden sicher sein; berühmt ist Kaiser Wilhelms Ausspruch, der Maler Walter Leistikow habe ihm mit seinen impressionistischen Abendlichtbildern „den ganzen Grunewald versaut“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotz solch schriller Kritiken (man fragt sich angesichts der Zitate, die im hervorragenden Katalog zu finden sind, was für ein Ton im angeblich so kultivierten Berlin der Gründerzeit geherrscht haben mag) wurde Leistikow schnell zum teuersten Maler Berlins, und in den folgenden Jahren zogen immer mehr deutsche Sammler und Museumsdirektoren nach Paris, um Impressionismus zu kaufen – unter ihnen Hugo von Tschudi, der 1896 zum Direktor der Berliner Nationalgalerie ernannt worden war.

          Blockbuster-Ausstellungen jagen um den Globus

          Dort ist ab heute eine Ausstellung zu sehen, die auch vom reichen Fundus an Gemälden aus der eigenen, damals zusammengetragenen Sammlung profitiert. Ihr Titel ist „ImEx“, was einerseits für Impressionismus und Expressionismus steht, andererseits an die Schilder in den Lagerhallen der Vorstädte erinnert, wo die Abkürzung „Im- und Export“ meint. Eine Ausstellung zu beiden Kunstrichtungen so zu nennen könnte man auch als einen selbstkritischen Kommentar auf das globale Verleihsystem lesen, das die immergleichen Meisterwerke aus allen Museen der Welt zu Blockbuster-Ausstellungen vereint und um den Globus jagt – und so auch ein kunsthistorisches Narrativ zementiert.

          Kaum eine Kunstrichtung wurde so national aufgeladen wie der angeblich in Abweisung des „französischen“ Impressionismus entstandene deutsche Expressionismus. Der Maler Ludwig Meidner dekretierte 1913: „Die impressionistische Verschwommenheit und Verundeutlichung nützt uns nichts. Die überkommene Perspektive hat keinen Sinn mehr für uns und hemmt unsere Impulsivität.“ Herwarth Walden, Gründer der Galerie und der gleichnamigen Zeitschrift „Der Sturm“, erklärte, es habe eine „Kunstwende“ stattgefunden. All dies war natürlich auch Teil einer Profilierungsstrategie junger Künstler in einem nationalistisch geladenen Klima: Wir sind total neu. Wir sind deutsch, nicht französisch. Wir sind tief und scharf, nicht oberflächlich und flirrend. Wir kommen von innen, nicht von außen.

          Die Berliner Ausstellung, die 170 Werke zusammenträgt, hat sich zum Ziel gesetzt, diese Erzählung aufzubrechen, indem sie die Werke nicht chronologisch, als Belege einer angeblich linearen stilgeschichtlichen Entwicklung vom Impressionismus zum Expressionismus sortiert, sondern thematisch: Badende. Vergnügen. Interieurs. Beziehungen. Stadt, Vorstadt, Passanten. Und diese Gegenüberstellung legt offen, wie stark Parallelen, Einflüsse, Kontinuitäten waren, wie wenig einerseits nationale und andererseits psychologisierende Sortierungen in „Ausdruck innerer Zustände“ und „Wiedergabe äußerer optischer Phänomene“ verfangen.

          Meist wie ein Familientreffen

          Renoirs spätimpressionistische „Badende“ aus Wien erscheint plötzlich als auf seine Weise „expressionistisches“, im Atelier ersonnenes, ebenso eher innere Welten spiegelndes Phantasiewesen wie Pechsteins tahitianisch wirkende Strandbesucherin von Nidden. Der Vergleich von Kirchners Potsdamer Platz, Pissarros Boulevard Montmartre und den dunklen Berlin-Bildern von Lesser Ury zeigt, wie beide das Durcheinanderschiebende, Strömende und Flackernde der Großstadt zu fassen versuchen. Kirchners „Badende am Strand“ und Liebermanns „Badende Knaben“ sind vergleichbare Versuche, das Gefühl des in die Wellen eintauchenden Körpers im Bild sichtbar zu machen; bei Liebermann tritt das dicke Weiß der Farbe aus dem Bild hervor, als schäume die Farbe selbst, bei Kirchner werden die Wellen zu flüssigen Gebirgsketten mit eiskalten Schaumgipfeln.

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