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Zurück zur Feudalkunst : Sind das die Medici von heute?

  • -Aktualisiert am

Die neuen Großsammler bauen Privatmuseen in Venedig oder Paris. Sie geben Millionen für die Kunst aus. Deshalb werden sie häufig mit den berühmten Kunstmäzenen der Neuzeit verglichen. Zu Recht? Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Matthias Müller

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          Wofür stehen die Medici?

          Für den durchaus zwiespältigen Glanz einer oligarchischen Aufsteigerfamilie im frühneuzeitlichen Europa. Ihr politischer Erfolg verdankte sich international vernetzten Bankgeschäften, geschickter Diplomatie, aber auch skrupelloser Gewalt und Machtintrigen. Die Medici stehen darüber hinaus für eine herausragende und strategische Kunstförderung, die nicht nur Künstlern lukrative Aufträge verschaffte und eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt hervorbrachte, sondern auch Persönlichkeiten wie Giorgio Vasari ein Betätigungsfeld als Künstler, Kunstagent und Kunsthistoriker bot.

          Welche Künstler und Kunstwerke verdanken wir ihnen?

          Die Medici haben viele Künstler, aber auch Dichter, Musiker und Wissenschaftler gefördert. Und dies nicht nur in Florenz, sondern auch in Rom, wo es die Medici mit Leo X., Clemens VII. und Leo XI. zeitweilig bis auf den Papstthron schafften. Zu den geförderten bildenden Künstlern gehörten beispielsweise Masaccio, Donatello, Filippo Lippi oder Sandro Botticelli, die für die italienische Renaissance allesamt wegweisende Bedeutung besaßen. Die berühmtesten waren aber Leonardo da Vinci und Michelangelo, der zeitweilig geradezu zum Hofkünstler der Medici aufstieg. Ohne diese enge Verbindung gäbe es weder die Medici-Grabmäler in der Neuen Sakristei von San Lorenzo in Florenz noch die in der unmittelbaren Nachbarschaft errichtete Biblioteca Laurenziana und auch nicht die Konzeption des monumentalen Wandbildes vom Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle in Rom.

          Warum gaben die Medici so viel Geld für Kunst aus?

          Die Motivation, mit hohen Geldsummen erstklassige Künstler zu fördern und ebensolche Kunst zu sammeln, war vor allem von drei Aspekten bestimmt: einem persönlichen Interesse an herausragenden Künstlern und ihren Leistungen, einem kulturgeschichtlichen und zugleich bildungspolitischen Interesse und einem politisch-instrumentellen Interesse, das dem Prestigewert von Kunst für die Aufgaben höfischer Repräsentation galt. Dieser repräsentative Wert von Kunst war für die Medici zur Durchsetzung ihrer politischen und dynastischen Ziele von besonderer Bedeutung. Denn wenn sie - wie ab 1537 unter Herzog Cosimo I. geschehen - in den europäischen Hochadel aufsteigen und zumindest äußerlich mit den etablierten Fürsten- und Königshäusern Europas konkurrenzfähig sein wollten, benötigten sie exklusive und attraktive Bau- und Kunstwerke, die neben den Kunstkennern auch die diplomatischen Gesandten zu beeindrucken vermochten. Die gegenseitige Stimulanz dieser drei Aspekte führte letztlich zum Aufbau der umfangreichen Kunstsammlungen, aber auch von Sammlungen seltener Naturalia oder wertvoller Bücher und Handschriften.

          Kauften Sie nur Gegenwartskunst oder auch ältere Werke?

          Die Fokussierung auf Gegenwartskunst wäre für die Medici viel zu kurzsichtig und viel zu eindimensional gewesen. Denn das Sammlungsinteresse der Medici und der für sie vorbildlichen europäischen Herrscherhäuser war von einem umfassenden Verständnis geprägt, das gerade auch die historische Dimension von Kunst und Kultur seit der Antike berücksichtigte. Der damals aktuellen, innovativen Kunst wurde selbstverständlich besondere Aufmerksamkeit geschenkt, doch immer unter Beachtung von historischen Prägungen und Traditionen und in der Wertschätzung der künstlerischen Leistungen alter Meister. Dies belegt die Sammlungspolitik, die Künstler aus der Giotto-Zeit genauso berücksichtigte wie etwa Leonardo da Vinci, beweist aber auch ein in den Diensten der Medici stehender Kunstkritiker und Kunsthistoriker wie Giorgio Vasari, der sich in seinen berühmten Künstlerviten ganz besonders auch den älteren Künstlergenerationen widmete.

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