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Im Gespräch: Raimund Wünsche : Wie hätten die alten Griechen reagiert, Herr Wünsche?

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Der Archäologe Raimund Wünsche kennt seine Griechen in- und auswendig, die alten wie die gegenwärtigen. Von welchen er mehr hält, das erzählt er hier.

          Wir sitzen hier in einem Tempel der Griechenverehrung. Mit der aktuellen Verehrung steht es aber derzeit nicht zum Besten.

          Die Griechenbegeisterung des neunzehnten Jahrhunderts war in München vor allem eine des Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I. Das war staatlich verordneter Philhellenismus – und der war auch damals schon mit hohem finanziellen Einsatz verbunden.

          Die Großmächte schickten nach der Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft den Wittelsbacher Prinzen Otto 1832 als König. In dessen Entourage war auch der Architekt Leo von Klenze, der glaubte: „Der Name Athen allein baut Athen wieder auf.“

          Die Bayern haben versucht, die Verwüstungen des Bürgerkriegs zu heilen, einen neuen Staat zu errichten. Das gelang. Athen wurde im neunzehnten Jahrhundert eine unglaublich schöne Stadt. Mit Wohnhäusern, deren Baustil sich an den Klassizismus anlehnte. Wegen politischer Katastrophen und der Landflucht leben heute vier von elf Millionen Griechen in Athen. Grund wurde teuer, und viele alte Bauten wurden abgerissen. Ich kenne keine Stadt, die – ohne Krieg – ihre eigene Geschichte derart ausgelöscht hat wie das Krebsgeschwür Athen.

          Haben die Griechen im neunzehnten Jahrhundert vom kulturellen Ausverkauf gelebt?

          Nein. Griechenland war um 1800 seit fast 350 Jahren Provinz des Osmanischen Reiches. Sprache und Religion war den Griechen geblieben. Die orthodoxe Kirche hatte maßgeblichen Anteil daran, dass sich das Griechentum erhalten hat. Als Napoleon 1799 Italien eroberte, konnten die reiselustigen Engländer nicht mehr die Grand Tour dorthin machen. Manche fuhren jetzt ins osmanische Griechenland – ins Abenteuer. Sie sahen dort die Reste der bewunderten Antike und fürchteten deren endgültigen Untergang. Denn im östlichen Mittelmeerraum war es jahrhundertelang üblich, antiken Marmor zu Kalk zu verbrennen.

          England und Deutschland waren die Speerspitzen eines am antiken Griechenland orientierten Klassizismus.

          Dabei spielte in diesen Ländern der politische Gegensatz zu Frankreich eine gewisse Rolle. Nicht mehr die römische, sondern die griechische Antike sollte als Vorbild dienen. Dazu musste sie erforscht und bekannt sein. Lord Elgin ließ vom Parthenon Reliefs und Figuren abnehmen und nach London transportieren, im Glauben, sie so zu bewahren und den Geschmack der Engländer zu verbessern. Das rief, damals wie heute, Kritik hervor. Aber zweifellos haben diese griechischen Originale das Primat der Antiken Roms gebrochen: Der Apoll vom Belvedere und die Laokoon-Gruppe waren jetzt nicht mehr das Höchste. Nun lernte das gebildete Europa griechische Kunst im Original oder als Gipsabgüsse kennen. Zahllose illustrierte Reiseberichte berichteten vom damaligen bedauernswerten Zustand des Landes unter osmanischer Herrschaft. Die aufkommende Sympathie in Europa für das unterjochte Land spielte eine wichtige Rolle im griechischen Befreiungskrieg, der durch das militärische Eingreifen europäischer Mächte entschieden wurde.

          „Nationbuilding“, wie man heute sagen würde, mit den Mitteln der Kultur.

          Man kann sich fragen, ob es den Griechen gutgetan hat, dass so viele philhellenisch gesinnte Europäer, wie zum Beispiel Ludwig I., an die direkte Verbindung von klassischem und neuem Griechenland glaubten. Mehr als 2200 Jahre Geschichte – von Perikles aus gerechnet – wurden übersprungen. Es war der Fehler des mitteleuropäischen Humanismus, die großartige byzantinische Epoche griechischer Kultur zu verdrängen. Sie ging erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen zu Ende.

          Was können wir uns heute von der athenischen Demokratie abschauen?

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