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Im Gespräch: Gianfranco Ravasi, Kulturminister des Vatikan : Wie modern hätten Sie es denn gern, Monsignore?

  • Aktualisiert am

Gianfranco Ravasi, der neue Kulturminister des Vatikan, will seinen Arbeitgeber der modernen Kunst öffnen. Ein gefährliches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass es die zeitgenössischen Künstler nicht selten auf eine Provokation der Kirche anlegen. Im F.A.Z.-Gespräch erklärt er seine Vorstellungen.

          6 Min.

          Grauer Marmor dominiert das karge Empfangszimmer von Gianfranco Ravasi. Die Diensträume des vatikanischen Kulturministers liegen in der monumentalen Via della Conciliazione, die Mussolini durch den Borgo zur Peterskirche hin schlagen ließ. Von Berufs wegen bedürfnislos, seufzt der Kirchenmann dennoch ein wenig in Erinnerung an sein schönes Studierzimmer in der Ambrosianischen Bibliothek, gleich neben der Gemäldegalerie.

          Kaum zum Kulturminister des Vatikans befördert, verblüfften Sie mit einer ungewöhnlichen Idee. Sie wollen 2009 auf der Kunstbiennale in Venedig einen Pavillon für den Heiligen Stuhl einrichten. Wie kamen Sie auf diesen Gedanken?

          Die zeitgenössische Kunst ist von der katholischen Kirche bisher kaum beachtet worden. Man hat sich mehr auf die Architektur konzentriert. Allerdings ist die Reihe architektonischer Geschmacksverirrungen unter den modernen Sakralbauten ziemlich lang. Mit der zeitgenössischen Kunst hat die Auseinandersetzung noch nicht einmal begonnen. Ganz zu schweigen von der zeitgenössischen, ernsten Musik, die vollkommen vernachlässigt wird. Ich träume davon, dass der Heilige Stuhl in Venedig einen Ort findet, wo er vor internationalem Publikum einen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst beginnen kann.

          Ziemlich mutig. Sie könnten ins Schussfeld geraten. Künstler provozieren ja hin und wieder auch gern den Klerus.

          Ich bin mir schon im Klaren darüber, auf was ich mich da einlasse. Es ist durchaus vorstellbar, dass zur gleichen Zeit, in der wir ausstellen, irgendwo in der Nähe eine Madonna zu sehen ist, die Sperma weint, wie kürzlich in Bologna, oder eine Abendmahlszene mit masturbierenden Jüngern, wie jetzt in Wien, die nebenbei bemerkt von einem sehr qualitätvollen Künstler, Alfred Hrdlicka, gezeichnet wurde. Es gibt ja heute für jeden etwas.

          Wo in Venedig wird der Vatikan seinen Auftritt haben?

          Das ist noch nicht entschieden. Wir haben eine Reihe von Angeboten erhalten, die ich noch prüfen muss. Biennale-Präsident Paolo Baratta ist an unserer Teilnahme sehr interessiert. Durch einen Pavillon des Vatikans würde die Biennale ja auch international an Attraktivität gewinnen. Baratta könnte uns irgendwo auf dem Arsenale-Gelände unterbringen. Die Architekturfakultät der Universität von Venedig hat uns einige ihrer großen, über die Stadt verteilten Räumlichkeiten angeboten. Das Patriarchat von Venedig würde uns eine Reihe von Kirchen zur Verfügung stellen, die heute bereits gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Auch die Fondazione Cini auf der Isola Maggiore hat uns eingeladen; sehr faszinierend. Ich persönlich hatte an all die alten Zunftgebäude wohltätiger Bruderschaften gedacht, die es in Venedig gibt. Sie sind reich mit Fresken geschmückt, und hier wäre die von mir bevorzugte Konfrontation von Kunsterbe und zeitgenössischer Produktion möglich.

          Die Bezeichnung „Vatikan-Pavillon“ ist etwas irreführend, denn es handelt sich ja sicher nicht um eine nationale Präsentation von Kunst aus dem Staat Vatikanstadt. Was werden Sie zeigen? Katholische Kunst oder Kunst, die in einem allgemeinen Sinn Spiritualität vermittelt?

          Ich habe noch kein Projekt ausgearbeitet. Auf keinen Fall soll der Vatikan-Beitrag als eine Gegen-Biennale aufgefasst werden. Ich werde vielleicht ein Thema stellen und internationale Künstler einladen, sich damit zu befassen. Das Thema könnte ein biblischer Text sein oder ein Symbol wie „Wasser“ oder ein ganz allgemein spirituelles Thema. Ein Bezug aufs Christentum muss natürlich da sein. Die Kirche ist doch auch ein Kulturträger und nicht nur ein karitativer Verein. Auf keinen Fall werde ich einen Wettbewerb veranstalten. Dabei kommen immer furchtbare Sachen zusammen. Der eine Künstler wird von einem Kardinal unterstützt, der andere von einem Politiker. Da gibt es Druck von allen Seiten, und am Ende weiß man nicht mehr, was man eigentlich wählen soll. Seit ich diese Biennale-Idee hatte, wurde ich mit Anfragen überflutet. Die Künstler drängen heran und immer die von der schlimmsten Sorte: Gefühls- und Rührungsästhetik. Es werden mir sogar schon kleine Modelle von Skulpturen zugeschickt. Ich möchte allen sagen: „Bitte, präsentiert euch nicht!“ Ich gehe schon selber auf die Suche.

          Frommer Kitsch wurde ja schon im Barock produziert. Da stand die Kunst im Dienst der Kirche und musste einem ikonographischen Schema folgen.Und trotz all dieser Begrenzung war die geniale Bedenkenlosigkeit eines Caravaggio möglich. Wenn heute die Kirche Aufträge vergibt, kommt dabei meist nur Mittelmäßiges heraus. Warum?

          Die Künstler denken zu viel darüber nach, was der Kirche wohl gefallen könnte. Das kann nichts werden. Ein schwaches Werk verrät allerdings mehr über den Auftraggeber als über den Künstler. Ich habe bisher als Bischof noch keine Aufträge vergeben. Aber irgendwann möchte ich das tun. Ich hoffe, dass es mir gelingt. Die zeitgenössische Kunst muss in den neuen Kirchenräumen präsent sein. Ich bin mit einigen Architekten, wie Mario Botta, befreundet, kenne gut Renzo Piano, Tadao Ando und Alvaro Siza. Sie bauen oft schöne Räume. Aber sie wollen die Räume für sich. Sie wollen absolut keine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Die Einrichtung des sakralen Raums wird dem Pfarrer überlassen, der dann einen hässlichen Altar und eine Madonnenfigur von schlechter Qualität aufstellt. Wir schaffen es nicht einmal mehr, neue, überzeugende Kulträume hervorzubringen.

          Spielt die Kunst in der Priesterausbildung eine Rolle?

          Die älteste der Päpstlichen Universitäten in Rom, die Gregoriana, hat seit vielen Jahren Kunstgeschichte in ihr Studienprogramm integriert. Die Päpstliche Universität Regina Apostolorum bietet seit kurzem einen Master-Studiengang in Kunstgeschichte und Geschichte des zeitgenössischen Kirchenbaus an. Wir müssen ja auch das Kunsterbe bewahren und kommen dann schon irgendwann einmal zur Gegenwart.

          Die italienische Bischofskonferenz hat jetzt eine neue Ausgabe des „Lezionario“ herausgebracht. Dieses mehrbändige Lesebuch, das liturgisch die Vollbibel ersetzt, enthielt bisher Abbildungen mittelalterlicher Miniaturen. Sie haben sich sehr für eine moderne graphische Gestaltung eingesetzt. Dreißig zeitgenössische Künstler wurden mit Illustrationen beauftragt. Das Ergebnis ist ziemlich enttäuschend.

          Ja, das neue Lektionar ist graphisch missglückt. Man hat lauter Künstler gewählt, die „kirchennah“ sind, was immer das heißt. Es war nicht der Mut vorhanden, Künstler abzulehnen. Es sind ausgezeichnete Künstler darunter wie Sandro Chia oder Mimmo Paladino, aber auch deren Beiträge sind ohne Inspiration. Das Lektionar ist in verschiedene Textblöcke geordnet, die sämtliche Festtage des Kirchenjahres betreffen. Die einzelnen Abschnitte verlangen nach stilistischer Geschlossenheit. Stattdessen gibt es ein Durcheinander von abstrakten, halbabstrakten und figürlichen Zeichnungen. Es wurde auf jedes Kompositionsschema verzichtet. Ich habe wirklich sehr für dieses neue Lektionar gekämpft. Und das ist nun dabei herausgekommen: fades Kunstgewerbe. Denkt man an die christliche Buchmalerei und ihre große Bedeutung für das künstlerische Schaffen generell . . . na ja, reden wir nicht mehr davon.

          Zum Glück ist das Lektionar ja nur für den innerkirchlichen Gebrauch gedacht. Nur der Priester bekommt es zu Gesicht.

          Nein, nein, das Lektionar sollte eigentlich auf dem Lesepult liegen und für die Gläubigen einsehbar sein.

          Die christliche Liturgie spornt die künstlerische Erfindungskraft offenbar nicht mehr an. Gibt es auch eine Krise der christlichen Ikonographie?

          Wir haben ein großes Problem mit der Sprache. Welche Sprache sollen wir sprechen? Die Worte erscheinen heute alle abgenutzt und unbrauchbar. Wer aber keine lebendige Sprache hat, kann keinen Dialog führen. Die Kirche ist sehr in sich verschlossen. Sie hat eine gewisse Furcht, sich mit der Welt der Ratio einzulassen. Auch die Sprache der Symbole hat ihre Kraft verloren. Man darf den Künstlern nichts vorschreiben, aber ich sehe doch, dass sie heute vor allem zwei Dinge scheuen, die in der Vergangenheit einmal große Bedeutung hatten. So wird nicht mehr nach dem ästhetisch Schönen gesucht. Im Gegenteil, man will das Unästhetische. Und dann schließen die Künstler, vielleicht aus Furcht, sich festzulegen, die letzten Fragen aus, Fragen nach dem Göttlichen, nach der Transzendenz. Es gibt auch kein Schuldgefühl mehr. Ohne das Gefühl der Schuld wäre das gesamte Werk von Dostojewskij nicht denkbar. Die großen Religionen haben diese Aufgabe. Sie müssen die Menschen an die metaphysischen Dinge erinnern. Die Kunst hat nie aufgehört, sich der großen Themen anzunehmen. Vielleicht ist es doch eher die Kirche, die den Kontakt zur Kreativität verloren hat. Die Kirche hätte zum Beispiel in den sechziger Jahren die „Kreuzigung“ von Joseph Beuys erwerben können. Das wäre ein großes Zeichen gewesen. Zwei leere Flaschen, die einmal Blutkonserven enthielten, ein wenig Draht und Holz. Diese Kreuzigungsgruppe gehört in einen sakralen Raum, nicht ins Museum. Es gibt auch eine lange Reihe von Ausstellungen, die unter so lässigen Titeln wie „Gott sehen“, „Choosing my Religion“, „Glaubenssache“ oder „God & Goods“ gezeigt haben, dass in einer säkularisierten Gesellschaft die Religion präsent ist.

          Warum kauft die Kirche keine Kunst?

          Ich dämonisiere den Markt nicht. Große Kirchenfürsten der Vergangenheit handelten mit Kunst. Es ist durchaus denkbar, dass es künftig christliche Gegenwartskunst gibt, die ihren Markt hat. Das Problem ist, dass sich niemand traut, über diese Dinge zu sprechen. Man weiß doch auch, was die neuen Kirchenbauten kosten. Da werden von den Bischofskonferenzen oft Aufträge ohne präzise Maßstäbe vergeben. Man könnte an den Baukosten sparen und mehr in zeitgenössische Kunst investieren.

          Gibt es einen Künstler, den Sie besonders schätzen?

          Arnaldo Pomodoro. Ich bin mit ihm befreundet.

          Seine Kunst ist nicht gerade auf der Höhe der Zeit.

          Richtig. Er ist bereits ein Klassiker. Ich mag Jannis Kounellis. Mir scheint auch, dass diese Pixel-Fenster von Gerhard Richter gut in den Kölner Dom passen. Allerdings habe ich sie noch nicht selbst gesehen.

          Könnte der Vatikan in Venedig nicht einen Kunstpreis vergeben?

          Ja, daran habe ich auch schon gedacht. So wie die Biennale den Goldenen Löwen vergibt. Ich würde aber in diesem Fall eine Kommission internationaler Kunstkritiker einrichten und mit ihnen gemeinsam die Auswahl treffen. Die Kirche will auch außerhalb ihrer Mauern ästhetisch wahrgenommen werden. Die Vatikan-Ausstellung auf der Biennale könnte Modellcharakter für die katholische Welt haben.

          Der Louvre präsentiert jetzt zum ersten Mal Werke eines lebenden Künstlers, Jan Fabre. Wäre das auch in den Vatikanischen Museen möglich?

          Ja, durchaus. Die Museen haben einen neuen Leiter, Antonio Paolucci. Mit ihm könnte man so etwas machen. Der ehemalige Leiter, Francesco Buranelli, wurde Sekretär der Kommission für Kulturgüter und ist mein engster Berater in Kunstdingen. Ich habe ja ständig neue Ideen, aber meine Pläne scheitern meistens recht schnell an der Wirklichkeit.

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