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Im Gespräch: Gianfranco Ravasi, Kulturminister des Vatikan : Wie modern hätten Sie es denn gern, Monsignore?

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Gianfranco Ravasi, der neue Kulturminister des Vatikan, will seinen Arbeitgeber der modernen Kunst öffnen. Ein gefährliches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass es die zeitgenössischen Künstler nicht selten auf eine Provokation der Kirche anlegen. Im F.A.Z.-Gespräch erklärt er seine Vorstellungen.

          Grauer Marmor dominiert das karge Empfangszimmer von Gianfranco Ravasi. Die Diensträume des vatikanischen Kulturministers liegen in der monumentalen Via della Conciliazione, die Mussolini durch den Borgo zur Peterskirche hin schlagen ließ. Von Berufs wegen bedürfnislos, seufzt der Kirchenmann dennoch ein wenig in Erinnerung an sein schönes Studierzimmer in der Ambrosianischen Bibliothek, gleich neben der Gemäldegalerie.

          Kaum zum Kulturminister des Vatikans befördert, verblüfften Sie mit einer ungewöhnlichen Idee. Sie wollen 2009 auf der Kunstbiennale in Venedig einen Pavillon für den Heiligen Stuhl einrichten. Wie kamen Sie auf diesen Gedanken?

          Die zeitgenössische Kunst ist von der katholischen Kirche bisher kaum beachtet worden. Man hat sich mehr auf die Architektur konzentriert. Allerdings ist die Reihe architektonischer Geschmacksverirrungen unter den modernen Sakralbauten ziemlich lang. Mit der zeitgenössischen Kunst hat die Auseinandersetzung noch nicht einmal begonnen. Ganz zu schweigen von der zeitgenössischen, ernsten Musik, die vollkommen vernachlässigt wird. Ich träume davon, dass der Heilige Stuhl in Venedig einen Ort findet, wo er vor internationalem Publikum einen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst beginnen kann.

          Ziemlich mutig. Sie könnten ins Schussfeld geraten. Künstler provozieren ja hin und wieder auch gern den Klerus.

          Ich bin mir schon im Klaren darüber, auf was ich mich da einlasse. Es ist durchaus vorstellbar, dass zur gleichen Zeit, in der wir ausstellen, irgendwo in der Nähe eine Madonna zu sehen ist, die Sperma weint, wie kürzlich in Bologna, oder eine Abendmahlszene mit masturbierenden Jüngern, wie jetzt in Wien, die nebenbei bemerkt von einem sehr qualitätvollen Künstler, Alfred Hrdlicka, gezeichnet wurde. Es gibt ja heute für jeden etwas.

          Wo in Venedig wird der Vatikan seinen Auftritt haben?

          Das ist noch nicht entschieden. Wir haben eine Reihe von Angeboten erhalten, die ich noch prüfen muss. Biennale-Präsident Paolo Baratta ist an unserer Teilnahme sehr interessiert. Durch einen Pavillon des Vatikans würde die Biennale ja auch international an Attraktivität gewinnen. Baratta könnte uns irgendwo auf dem Arsenale-Gelände unterbringen. Die Architekturfakultät der Universität von Venedig hat uns einige ihrer großen, über die Stadt verteilten Räumlichkeiten angeboten. Das Patriarchat von Venedig würde uns eine Reihe von Kirchen zur Verfügung stellen, die heute bereits gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Auch die Fondazione Cini auf der Isola Maggiore hat uns eingeladen; sehr faszinierend. Ich persönlich hatte an all die alten Zunftgebäude wohltätiger Bruderschaften gedacht, die es in Venedig gibt. Sie sind reich mit Fresken geschmückt, und hier wäre die von mir bevorzugte Konfrontation von Kunsterbe und zeitgenössischer Produktion möglich.

          Die Bezeichnung „Vatikan-Pavillon“ ist etwas irreführend, denn es handelt sich ja sicher nicht um eine nationale Präsentation von Kunst aus dem Staat Vatikanstadt. Was werden Sie zeigen? Katholische Kunst oder Kunst, die in einem allgemeinen Sinn Spiritualität vermittelt?

          Ich habe noch kein Projekt ausgearbeitet. Auf keinen Fall soll der Vatikan-Beitrag als eine Gegen-Biennale aufgefasst werden. Ich werde vielleicht ein Thema stellen und internationale Künstler einladen, sich damit zu befassen. Das Thema könnte ein biblischer Text sein oder ein Symbol wie „Wasser“ oder ein ganz allgemein spirituelles Thema. Ein Bezug aufs Christentum muss natürlich da sein. Die Kirche ist doch auch ein Kulturträger und nicht nur ein karitativer Verein. Auf keinen Fall werde ich einen Wettbewerb veranstalten. Dabei kommen immer furchtbare Sachen zusammen. Der eine Künstler wird von einem Kardinal unterstützt, der andere von einem Politiker. Da gibt es Druck von allen Seiten, und am Ende weiß man nicht mehr, was man eigentlich wählen soll. Seit ich diese Biennale-Idee hatte, wurde ich mit Anfragen überflutet. Die Künstler drängen heran und immer die von der schlimmsten Sorte: Gefühls- und Rührungsästhetik. Es werden mir sogar schon kleine Modelle von Skulpturen zugeschickt. Ich möchte allen sagen: „Bitte, präsentiert euch nicht!“ Ich gehe schon selber auf die Suche.

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