https://www.faz.net/-gqz-zo6n

Im Gespräch: Gianfranco Ravasi, Kulturminister des Vatikan : Wie modern hätten Sie es denn gern, Monsignore?

  • Aktualisiert am

Wir haben ein großes Problem mit der Sprache. Welche Sprache sollen wir sprechen? Die Worte erscheinen heute alle abgenutzt und unbrauchbar. Wer aber keine lebendige Sprache hat, kann keinen Dialog führen. Die Kirche ist sehr in sich verschlossen. Sie hat eine gewisse Furcht, sich mit der Welt der Ratio einzulassen. Auch die Sprache der Symbole hat ihre Kraft verloren. Man darf den Künstlern nichts vorschreiben, aber ich sehe doch, dass sie heute vor allem zwei Dinge scheuen, die in der Vergangenheit einmal große Bedeutung hatten. So wird nicht mehr nach dem ästhetisch Schönen gesucht. Im Gegenteil, man will das Unästhetische. Und dann schließen die Künstler, vielleicht aus Furcht, sich festzulegen, die letzten Fragen aus, Fragen nach dem Göttlichen, nach der Transzendenz. Es gibt auch kein Schuldgefühl mehr. Ohne das Gefühl der Schuld wäre das gesamte Werk von Dostojewskij nicht denkbar. Die großen Religionen haben diese Aufgabe. Sie müssen die Menschen an die metaphysischen Dinge erinnern. Die Kunst hat nie aufgehört, sich der großen Themen anzunehmen. Vielleicht ist es doch eher die Kirche, die den Kontakt zur Kreativität verloren hat. Die Kirche hätte zum Beispiel in den sechziger Jahren die „Kreuzigung“ von Joseph Beuys erwerben können. Das wäre ein großes Zeichen gewesen. Zwei leere Flaschen, die einmal Blutkonserven enthielten, ein wenig Draht und Holz. Diese Kreuzigungsgruppe gehört in einen sakralen Raum, nicht ins Museum. Es gibt auch eine lange Reihe von Ausstellungen, die unter so lässigen Titeln wie „Gott sehen“, „Choosing my Religion“, „Glaubenssache“ oder „God & Goods“ gezeigt haben, dass in einer säkularisierten Gesellschaft die Religion präsent ist.

Warum kauft die Kirche keine Kunst?

Ich dämonisiere den Markt nicht. Große Kirchenfürsten der Vergangenheit handelten mit Kunst. Es ist durchaus denkbar, dass es künftig christliche Gegenwartskunst gibt, die ihren Markt hat. Das Problem ist, dass sich niemand traut, über diese Dinge zu sprechen. Man weiß doch auch, was die neuen Kirchenbauten kosten. Da werden von den Bischofskonferenzen oft Aufträge ohne präzise Maßstäbe vergeben. Man könnte an den Baukosten sparen und mehr in zeitgenössische Kunst investieren.

Gibt es einen Künstler, den Sie besonders schätzen?

Arnaldo Pomodoro. Ich bin mit ihm befreundet.

Seine Kunst ist nicht gerade auf der Höhe der Zeit.

Richtig. Er ist bereits ein Klassiker. Ich mag Jannis Kounellis. Mir scheint auch, dass diese Pixel-Fenster von Gerhard Richter gut in den Kölner Dom passen. Allerdings habe ich sie noch nicht selbst gesehen.

Könnte der Vatikan in Venedig nicht einen Kunstpreis vergeben?

Ja, daran habe ich auch schon gedacht. So wie die Biennale den Goldenen Löwen vergibt. Ich würde aber in diesem Fall eine Kommission internationaler Kunstkritiker einrichten und mit ihnen gemeinsam die Auswahl treffen. Die Kirche will auch außerhalb ihrer Mauern ästhetisch wahrgenommen werden. Die Vatikan-Ausstellung auf der Biennale könnte Modellcharakter für die katholische Welt haben.

Der Louvre präsentiert jetzt zum ersten Mal Werke eines lebenden Künstlers, Jan Fabre. Wäre das auch in den Vatikanischen Museen möglich?

Ja, durchaus. Die Museen haben einen neuen Leiter, Antonio Paolucci. Mit ihm könnte man so etwas machen. Der ehemalige Leiter, Francesco Buranelli, wurde Sekretär der Kommission für Kulturgüter und ist mein engster Berater in Kunstdingen. Ich habe ja ständig neue Ideen, aber meine Pläne scheitern meistens recht schnell an der Wirklichkeit.

Weitere Themen

Topmeldungen

Jedes Kind ist anders. „Es wäre schön, wenn Eltern es schaffen, ihre Kinder auf deren Kanal zu erreichen“, sagt Expertin Döpfner.

Tipps für Eltern : Wie wir unsere Kinder zum Reden bringen

„Wie war’s in der Schule?“ – „Gut“: Je mehr Eltern ihren Nachwuchs ausfragen, desto mehr zieht er sich zurück. Dabei gibt es ein paar einfache Tricks, um mit den eigenen Kindern vertrauensvoll ins Gespräch zu kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.