https://www.faz.net/-gqz-zo6n

Im Gespräch: Gianfranco Ravasi, Kulturminister des Vatikan : Wie modern hätten Sie es denn gern, Monsignore?

  • Aktualisiert am

Frommer Kitsch wurde ja schon im Barock produziert. Da stand die Kunst im Dienst der Kirche und musste einem ikonographischen Schema folgen.Und trotz all dieser Begrenzung war die geniale Bedenkenlosigkeit eines Caravaggio möglich. Wenn heute die Kirche Aufträge vergibt, kommt dabei meist nur Mittelmäßiges heraus. Warum?

Die Künstler denken zu viel darüber nach, was der Kirche wohl gefallen könnte. Das kann nichts werden. Ein schwaches Werk verrät allerdings mehr über den Auftraggeber als über den Künstler. Ich habe bisher als Bischof noch keine Aufträge vergeben. Aber irgendwann möchte ich das tun. Ich hoffe, dass es mir gelingt. Die zeitgenössische Kunst muss in den neuen Kirchenräumen präsent sein. Ich bin mit einigen Architekten, wie Mario Botta, befreundet, kenne gut Renzo Piano, Tadao Ando und Alvaro Siza. Sie bauen oft schöne Räume. Aber sie wollen die Räume für sich. Sie wollen absolut keine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Die Einrichtung des sakralen Raums wird dem Pfarrer überlassen, der dann einen hässlichen Altar und eine Madonnenfigur von schlechter Qualität aufstellt. Wir schaffen es nicht einmal mehr, neue, überzeugende Kulträume hervorzubringen.

Spielt die Kunst in der Priesterausbildung eine Rolle?

Die älteste der Päpstlichen Universitäten in Rom, die Gregoriana, hat seit vielen Jahren Kunstgeschichte in ihr Studienprogramm integriert. Die Päpstliche Universität Regina Apostolorum bietet seit kurzem einen Master-Studiengang in Kunstgeschichte und Geschichte des zeitgenössischen Kirchenbaus an. Wir müssen ja auch das Kunsterbe bewahren und kommen dann schon irgendwann einmal zur Gegenwart.

Die italienische Bischofskonferenz hat jetzt eine neue Ausgabe des „Lezionario“ herausgebracht. Dieses mehrbändige Lesebuch, das liturgisch die Vollbibel ersetzt, enthielt bisher Abbildungen mittelalterlicher Miniaturen. Sie haben sich sehr für eine moderne graphische Gestaltung eingesetzt. Dreißig zeitgenössische Künstler wurden mit Illustrationen beauftragt. Das Ergebnis ist ziemlich enttäuschend.

Ja, das neue Lektionar ist graphisch missglückt. Man hat lauter Künstler gewählt, die „kirchennah“ sind, was immer das heißt. Es war nicht der Mut vorhanden, Künstler abzulehnen. Es sind ausgezeichnete Künstler darunter wie Sandro Chia oder Mimmo Paladino, aber auch deren Beiträge sind ohne Inspiration. Das Lektionar ist in verschiedene Textblöcke geordnet, die sämtliche Festtage des Kirchenjahres betreffen. Die einzelnen Abschnitte verlangen nach stilistischer Geschlossenheit. Stattdessen gibt es ein Durcheinander von abstrakten, halbabstrakten und figürlichen Zeichnungen. Es wurde auf jedes Kompositionsschema verzichtet. Ich habe wirklich sehr für dieses neue Lektionar gekämpft. Und das ist nun dabei herausgekommen: fades Kunstgewerbe. Denkt man an die christliche Buchmalerei und ihre große Bedeutung für das künstlerische Schaffen generell . . . na ja, reden wir nicht mehr davon.

Zum Glück ist das Lektionar ja nur für den innerkirchlichen Gebrauch gedacht. Nur der Priester bekommt es zu Gesicht.

Nein, nein, das Lektionar sollte eigentlich auf dem Lesepult liegen und für die Gläubigen einsehbar sein.

Die christliche Liturgie spornt die künstlerische Erfindungskraft offenbar nicht mehr an. Gibt es auch eine Krise der christlichen Ikonographie?

Weitere Themen

550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

Versteigerung zum Spitzenpreis : 550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie

In Paris ist eine Kopie des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci für einen Spitzenpreis verkauft worden. Das Bild wurde im 17. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler gemalt. Es gleicht dem Original bis auf wenige Details, ist aber etwas größer.

Topmeldungen

Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.