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Bildhauer Antonio Canova : Der Gesichtsverlust der Zivilisation

Abgelichtet, als wäre er durch die Beschädigung von 1917 zum neuen autonomen Kunstwerk geworden: Napoleons Kopf, wohl 1807 von Antonio Canova in Gips als Büste modelliert. Bild: Stéphane Maréchalle

Im Ersten Weltkrieg erlitt auch die Kultur schwere Schäden. Das Musterbeispiel dafür, aber auch für den mittlerweile versöhnlichen Umgang damit, ist im italienischen Possagno zu besichtigen.

          Als am 11.November 1918 die Waffen in Europa nach mehr als vier Jahren Krieg endlich schwiegen, wurde in dem norditalienischen Städtchen Possagno nicht gefeiert. Hier lebte seit genau einem Jahr niemand mehr; im November 1917 waren die Bewohner evakuiert worden, weil österreichische und deutsche Truppen bis ins Veneto vorgestoßen waren, die Höhen rund um den Monte Grappa besetzt hatten und von dort aus die tiefergelegenen Ortschaften im Feindesland beschossen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zwar konnte das italienische Heer im Oktober 1918 noch eine erfolgreiche Gegenoffensive starten, ehe am 3.November der Waffenstillstand mit Österreich die Kämpfe an der Südfront beendeten, doch die Bürger von Possagno durften erst im Laufe des Jahres 1919 aus ihren Evakuierungsquartieren – die meisten im fernen Sizilien – zurückkehren. Erst dann sahen sie, was der Krieg im größten Schatzhaus ihrer Heimat angerichtet hatte.

          Das ist das Anwesen des Bildhauers Antonia Canova, 1757 in Possagno geboren und 1822 auch hier begraben, zwischendurch aber aufgestiegen zu einem der prominentesten europäischen Künstler seiner Zeit, ein Liebling Napoleons (der sich von Canova überlebensgroß als nackter Kriegsgott Mars porträtieren ließ), aber auch Italiens ganzer Novecento-Stolz. Bestattet wurde Canova in der von ihm selbst entworfenen, aber erst nach seinem Tod fertiggestellten Pfarrkirche von Possagno, einer klassizistischen Architektur-Ikone hoch über dem Städtchen.

          Zerstörung im Krieg

          Von hier aus blickt man über eine pompöse Zufahrt hinab zum ehemaligen Wohnhaus des Künstlers, das dessen Erben 1836 samt Inventar der Gemeinde schenkten; es wurde das erste in öffentlichem Besitz befindliche Museum des Veneto. Und weil Canova alle seine Entwürfe und -modelle aufbewahrt hatte, entstand hier in einer von seinem Bruder Giovanni eigens dafür erbauten basilikaartigen Galerie die Gipsoteca di Possagno, die größte Sammlung an Gips-Plastiken eines einzelnen Künstlers weltweit.

          Das blieb sie bis Weihnachten 1917. Doch am 26. Dezember wurde das evakuierte, aber von italienischen Truppen als Standort genutzte Possagno mit schwerem österreichischen Artilleriefeuer belegt, und zwei Granaten schlugen in die Gipsoteca ein. Glücklicherweise war niemand unmittelbar dabei, auch wenn der nationalistische Kunsthistoriker Ugo Ojetti, ein damaliger Vertrauter D’Annunzios und späterer Parteigänger Mussolinis, kurz danach den Angriff schilderte, als hätte er ihn selbst erlebt: „Als man die Granaten vom Monte Pallone brüllen und donnern und auf den Tempel der Statuen herabregnen hörte, als stürzte ein betrunkener Gigant mit lautem Rülpser zu Boden, konnte man zwei entgegengesetzte Willen spüren. Einer war großzügig, harmonisch, konstruktiv, also lateinisch; der andere egoistisch, gewalttätig, zerstörerisch und barbarisch.“ Damit nahm Ojetti die seit Kriegsbeginn auf alliierter Seite übliche Denunziation der Gegner als kulturlose Vandalen auf.

          Rettung aus den Trümmern

          Nun ist es nicht so, dass daran nichts Wahres gewesen wäre. Beim Vorstoß der Deutschen durch Belgien waren 1914 viele Kulturgüter zerstört worden, und der Stellungskrieg der Folgejahre verheerte Nordfrankreich, wobei die Franzosen im Abwehrkampf auf eigenem Terrain auch nicht eben skrupulös agierten. Die Folgen des Ersten Weltkriegs in den umkämpften Gebieten erschütterten jedenfalls alle Beteiligten: Sowohl die deutsche Waffenstillstandsdelegation am 8.November 1918 als auch die deutsche Delegation zur Entgegennahme der Friedensbedingungen Ende April 1919 wurden bewusst in ihren Zügen durch stark zerstörte französische Gebiete zu den Verhandlungen gefahren, und dieser Anblick machte starken Eindruck. Solch verwüstete Ortschaften hatte man nie zuvor gesehen.

          Deshalb erkannte auch die italienische Regierung das propagandistische Potential des österreichischen Angriffs auf die Gipsoteca di Possagno und damit auf das Werk eines Nationalheiligen – aber erst mit Verspätung. Der erste Augenzeugenbericht aus dem beschädigten Gebäude stammt von einer Rote-Kreuz-Schwester, die es am Tag nach dem Bombardement betrat und das Durcheinander der Trümmer beschrieb. Im Januar 1918 wurden dann einige leichter beschädigte Gipsgüsse Canovas geborgen und ins sichere Hinterland abtransportiert, wo man mit der Restaurierung begann. Doch der Ort der Zerstörung selbst geriet erst nach dem Waffenstillstand vom November in den Fokus der Aufmerksamkeit. Denn ein einziger Bürger Possagnos durfte doch schon früher in das Städtchen zurückkehren: Stefano Serafin, der bereits seit 1891 amtierende Kustos der Gipsoteca.

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