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Im Dresdner Kupferstichkabinett : Und am Ende sind wir das gerupfte Huhn

Aus Tradition mach Moderne: Gert und Uwe Tobias variieren Motive der verschiedensten Epochen aus dem Dresdner Kupferstichkabinett.

          Kupferstichkabinett - schon die Bezeichnung legt nahe, da würde nur Altertümliches gezeigt. Dass die entsprechenden Institutionen, die diesen traditionsreichen Namen immer noch führen - etwa in Berlin, Dresden, Hamburg -, sich als Grafische Sammlungen betrachten, deren Aufgabe selbstverständlich bis in die Gegenwart reicht, weiß jeder, der die Ausstellungsaktivitäten dieser Häuser verfolgt. Und nicht selten bietet die Grafik das interessanteste Experimentierfeld für zeitgenössische Künstler.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So ist es allemal bei Gert und Uwe Tobias, die im vergangenen Jahr vom Dresdner Kupferstichkabinett eingeladen wurden, die dortigen überreichen Bestände zu sichten, um sie dann zum Gegenstand einer eigenen Werkgruppe zu machen, die nun unter dem Titel „Dresdener Paraphrasen“ auf der kompletten großzügigen Ausstellungsfläche des Kupferstichkabinetts gezeigt wird. Schon allein flächenmäßig also zeigt das Resultat die Begeisterung, die das 1973 in Siebenbürgen geborene, 1985 mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewanderte und heute in Braunschweig arbeitende und lehrende Zwillingspaar erfasst hat. Doch überzeugen müssen natürlich die Werke.

          Motive der alten Spielkarten

          Sie tun es zunächst durch ihr verblüffend breites inhaltliches Spektrum. Vier Schwerpunkte haben sich die Brüder Tobias für ihre Paraphrasen herausgesucht, und sie reichen von den für die Entwicklung des Kupferstichs so wichtigen spätmittelalterlichen Spielkartendrucken über die in der Renaissance entstandene Technik des Clairobscur-Holzschnitts und Chinoiserie-Musterbücher aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert bis zum singulären „Tafelwerk“, das Hermann Glöckner (1889 bis 1987) der abstraktionsfeindlichen NS-Zeit abgerungen hat. Eine kleine Verbeugung vor dem Meissener Porzellan gibt es auch noch, wenn die Brüder Tobias einige kleine Keramikplastiken, die sie im Stil chinoiser Grotesken gefertigt haben, zur Präsentation auf alte bemalte Porzellangeschirre stellen. Aber das ist der weniger gelungene und auch kleinste Teil ihrer „Dresdener Paraphrasen“.

          Deren Schwerpunkt liegt auf den grafischen Techniken, mit denen die Zwillinge bekannt geworden sind: dem Holzschnitt (zu großen Tableaus arrangiert und auf Leinwand gedruckt) und den sogenannten Schreibmaschinenzeichnungen, die bei Verwendung verschiedener Farbbänder mittels der Buchstaben einer alten mechanischen Schreibmaschine erzeugt werden. Gert und Uwe Tobias entwickeln dabei aus der Wiederholung einzelner typografischer Zeichen Flächenarrangements, die ihr Vorbild in den Schraffur- und Linientechniken der Kupferstiche haben. So ist es nur zwingend, dass diese Schreibmaschinenbilder vor allem Motive der alten Spielkarten variieren: Vorrangig Tiere, aber auch Schmuckelemente und im bezwingendsten Fall eine Blumen-Dame, die der namentlich bis heute nicht bekannte „Meister der Spielkarten“ um 1440 gestochen hat.

          Nachbarschaft des Unvergleichlichen

          In der Ausstellung werden die Paraphrasen mit den Vorlagen zusammengebracht, wobei die Größen- und Materialitätsunterschiede nicht immer eine solch direkte Nachbarschaft wie im Falle der Schreibmaschinenzeichnungen oder den durch die Chinoiserien angeregten kleinformatigen Collagen gestatten. Daraus aber erwächst gerade die Stärke dieser Schau, die so zu einem einzigen großen Suchbild wird - und sich den Luxus erlaubt, im größten Saal an eine Wand drei gewaltige Tobias-Holzschnitte vor geometrisch grau gemusterter Wand zu hängen, deren Inspirationen, Glöckners überwiegend in den dreißiger Jahren entstandene kleine monochrome Farbtafeln, in großem Abstand inszeniert sind. So wird die Übersetzungsleistung der Paraphrasen deutlich, und, dass die Form nicht nur die zeitliche, sondern auch die räumliche Distanz überbrückt.

          Auch die riesigen Holzschnittkompositionen, mit denen die Brüder Tobias den Clairobscur-Blättern ihre Reminiszenz erweisen, erfordern einen genauen Blick. Denn nur einzelne Elemente der mythologischen Darstellungen sind darin isoliert und in neue Kontexte gesetzt, die sich wiederum anderen Clairobscur-Holzschnitten verdanken, deren Kartuschenformen buchstäblich die Rahmen für die großen Paraphrasen bieten, aus denen dann das Bocksbein eines Silens oder das die Conditio humana verspottende gerupfte Huhn aus den ursprünglichen Parmigianino-Blättern herausragen - und so gerade außerhalb des Rahmens die Nachfolgeschaft begründen.

          Einer dieser großen Holzschnitte hängt als Trabant der Ausstellung: zwei Stockwerke unter den Räumen des Kupferstichkabinetts im Neuen Grünen Gewölbe. „Dresdener Großer Grüner III“ heißt er, und wird seinem Vorbild direkt gegenübergestellt, denn der titelgebende Diamant, das teuerste Juwel der Dresdner Sammlungen, ist hier hinter Panzerglas zur Schau gestellt. In dieser Nachbarschaft des Unvergleichlichen, der funkelnden Transparenz eines vielfach facettiert geschliffenen Diamanten mit der abstrahierten Tropfenform und fahlgrünen Färbung, die die Brüder Tobias dem Edelstein auf ihrem Holzschnitt verpasst haben, ist der Zauber eines Kunstreichtums aufgehoben, der immer neu Zinsen für die Zeitgenossen trägt, weil die Perfektion des Alten sie zur Umformung reizt. Gert und Uwe Tobias leisten das aber im Gegensatz zu dem barbarischen Neuschliff, den jüngst ein anderer berühmter Diamant erhielt, nicht am Objekt selbst, sondern mit ihrer eigenen Kunst auf witzigste Weise.

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