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Illustration : Das ist Christoph Niemanns Welt

Geist und Sorgfalt im Verein

Mit dem Computer tut Niemann viel, aber nicht alles - und nicht das Wichtigste. Das Wichtigste bleibt die Idee. „Technik“, sagt er, „macht dich nicht kreativer, aber flexibler, und damit bleibt dir mehr Zeit für Kreativität.“ Die ersten Entwürfe erfolgen immer per Bleistift, und für die Sammlung dieser Blätter gibt es das Planschränkchen im Atelier. Für „Abstract City“, den gerade gleichzeitig in Amerika und Deutschland erschienenen Sammelband seiner ersten sechzehn Blogs, hat Niemann ein Nachwort gezeichnet, das von seiner Arbeit erzählt. In einem Tortendiagramm, das dem Zustandekommen einer guten Idee gilt, nimmt „Anstrengung“ eine Fläche von 87 Prozent ein. Nur 0,5 Prozent entfallen auf „Begabung und Musenküsse“, dafür aber fünf Prozent auf die Rubrik „90 Minuten am Stück die Finger vom Internet lassen“. Denn auf diesem Spielplatz der Ideen ist vieles zu leicht erhältlich, als dass die nötige Anstrengung noch geleistet würde.

Zudem wird dort munter geklaut. Und wenn es eines gibt, was Christoph Niemann erregt, dann ist es die derzeitige Debatte um geistiges Eigentum. „Für einen Kreativen sind Ideen das einzige Kapital. Google Image Search macht mir die Kontrolle im Netz leichter, aber es bleibt oft Zufall, ob man überhaupt mitbekommt, dass man bestohlen wird. Was mich wirklich ärgert, ist die Behauptung, ein Urheber leiste nicht mehr als bloßes Remixen. Bei Illustrationen macht die Verschiebung einer Linie um einen Zentimeter nach rechts oder links oft den entscheidenden Unterschied aus. Das kostet viel Mühe, die aber nicht sichtbar werden darf. Außer der Idee ist das Wichtigste bei meiner Arbeit deshalb, alle Spuren der Anstrengung zu verwischen und das Ergebnis federleicht aussehen zu lassen, spontan. Blut, Schweiß und Tränen haben im Druck nichts mehr verloren.“

Aber auch wer einfach stiehlt, kann sich Schweiß sparen. Und so muss der Illustrator, der sich mit der Hilfe des Internets sein Niemannsland erhält, fürchten, genau durch diese Hilfsmittel um die Früchte seiner Ideen gebracht zu werden. „Wenn ich morgens laufen gehe, halte ich mir selbst Vorträge darüber, aber ich scheue davor zurück, etwas dazu zu veröffentlichen. Denn wer weiß, was man dazu aus dem Netz für Reaktionen bekommen würde. Schlimm, dass man so denkt.“ Gut aber, dass es überhaupt jemanden wie Christoph Niemann gibt, dessen Brillanz sichtbar macht, was Geist und Sorgfalt im Verein leisten können. Die Welt, in der wir leben, wird mehr und mehr eine sein, die nach seinen Bildern geschaffen ist - egal, ob rechtmäßig oder gestohlen. Ihnen kann man nicht entkommen, weil sie die Gegenwart auf die Spitze treiben - auf die eines simplen Bleistifts.

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