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Illustration : Das ist Christoph Niemanns Welt

Der endgültige Ritterschlag

Wie unterscheiden sich die beiden Metropolen? Als Antwort genügt an diesem Montag im Atelier eine kurze Gesprächspause. Wir lauschen. Es ist der Tag vor dem 1. Mai, und im ganzen Gebäude herrscht absolute Ruhe. Nur Christoph Niemann arbeitet hier an diesem Brückentag. Dann steht er auf, geht zum Fenster und zeigt zwischen die zwei Brandmauern hinaus: „Da sitzt das kreative Berlin.“ Im Volkspark am Weinbergsweg liegt die Wiese im schönsten Sonnenschein, sie ist voller junger Menschen. So eine Auszeit nimmt sich der an amerikanisches Arbeitstempo gewöhnte Illustrator nicht.

Was trieb einen wie ihn, geboren 1970 in Waiblingen und an der Kunstakademie Stuttgart noch unter Heinz Edelmann als Illustrator ausgebildet, aus dem heimatlichen Baden-Württemberg nach New York? „Gerade weil ich da herkam, wollte ich weg. Mitte der neunziger Jahre schlug der Puls der Grafikdesign-Szene in London, aber alles, was mich interessierte, gab es in New York. Dort war die Idee wichtiger als die visuelle Umsetzung, und das deutsche Grafikdesign genoss einen exzellenten Ruf. Die Leute kannten den Namen von Heinz Edelmann; dass er mich ausgebildet hatte, war also nicht von Schaden.“ Als Niemann 1995 dann noch feststellte, dass dank der damaligen Dollarschwäche ein Flug nach New York nicht teurer war als einer nach London, flog er kurzerhand mit seiner Mappe für zwei Monate hin, bekam dort einen Praktikumsplatz und zwei Tage vor seiner Rückreise nach Deutschland einen ersten Auftrag: Fred Woodware, der einflussreiche Gestalter des Musikmagazins „Rolling Stone“, bestellte bei Niemann eine Illustration zu einer Plattenkritik. „Das habe ich damals niemandem erzählt, aus Angst, es könnte noch etwas schiefgehen.“

Aber es ging nichts schief, und als die Illustration erschienen war, reichte die Redaktion des „Rolling Stone“ sie beim Jahrbuch „American Illustration“ ein. Der Abdruck dort war der endgültige Ritterschlag für den jungen deutschen Illustrator. Ein Jahr später war er wieder zurück in New York, diesmal bei dem Designunternehmen Pentagram an der Seite von solchen Größen des Fachs wie Paula Scher, damals seine Mentorin, oder Michael Bierut. Und Niemann lernte Steve Heller von der „New York Times Book Review“ kennen - der Beginn einer bis heute andauernden Zusammenarbeit, die ihm wiederum die Türen zur „New York Times“ und zum „New Yorker“ öffnete, für den er seit 1998 illustriert. 2001 hatte Christoph Niemann es dann endgültig in Amerika geschafft, als er für die Jubiläumsausgabe von „American Illustration“ anlässlich des zwanzigsten Geburtstags des Jahrbuchs dessen Umschlag und die Vorsatzpapiere gestaltete. Noch heute lädt er, wenn man ihn nach einem Lieblingsmotiv fragt, diese Titelzeichnung auf dem Rechner hoch: den Kopf einer Zahnbürste, der sich in liebevoller Umarmung mit einem anthropomorphen Zahnpastastreifen befindet.

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