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Illusionskunst : Liebesabenteuer eines Weichkäses

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Er war ein Malerfürst mit Mut, Charme und epochalem Erfolg: Eine Ausstellung in Venedig erinnert an das aufregende Leben und das großartige Werk des fast vergessenen Erotomanen Sebastiano Ricci.

          Sebastiano Ricci, wie Casanova in und von Venedig geprägt, hat das flackernde, graziöse, elegante Lebensgefühl der vorrevolutionären Epoche ein Leben lang ausgemalt. Mit der Ausstellung auf der Isola di San Giorgio, gegenüber vom Markusplatz, ruft die Fondazione Cini nun einen Künstler in Erinnerung, der heute kaum mehr präsent ist, zu Lebzeiten aber als Malerfürst herumgereicht und mit Geld zugeschüttet wurde wie ein Opernkastrat.

          Die Assoziation mit der großartigen Musik seiner Zeit liegt bei Ricci nahe. Viele der ausgestellten Gemälde wirken wie Prospekte einer Prunkoper Vivaldis oder Händels: Herrschaftliche Gestalten gruppieren sich im Vordergrund wie an der Bühnenrampe, umgeben vom festlich aufgedonnerten Gefolge. Statt auf weite Landschaften blicken wir meist auf Architekturfragmente, stilisierte Gärten, Palastsäle, wie sie auch die Bühnenmalerei der Barockoper täuschend gestaltete. Und immer wieder entschweben die Helden in die Pappmachéwolken des Himmels.

          Missetaten im Stil Casanovas

          In der Tat hat Ricci in seiner Zeit als Hofmaler in Parma mit der Bibbiena-Dynastie legendärer Opernarchitekten und Theatermaler kooperiert. Doch ist es weniger ein biographischer Einklang mit den überschwänglichen Dacapoarien seines Zeitgenossen Vivaldi, den wir hier beobachten, sondern das Basso continuo einer ganzen Epoche. Alles an Riccis Malerei ist berechnet auf Effekt, Virtuosität, Glanz, Fanfarenschall. Glaubhafte Haltungen, Sonnenlicht, Psychologie - all das interessiert das Publikum jener tragisch-heiteren Theaterzeit kaum. Organische, quirlige, ungenormte Bewegung soll hier wie ein festgenadeltes Insekt fixiert werden.

          Riccis Leben passt zu dieser gewollt oberflächlichen Illusionskunst: Im gebirgigen Belluno 1659 geboren, kam er wie so viele Maler der Serenissima früh als Lehrling in die Lagune, wo er sich aber weniger durch große Würfe auf der Leinwand einen Namen machte als vielmehr durch casanovahafte Missetaten. Er schwängerte ein Mädchen, versuchte es offenbar zu vergiften und kam wie Casanova in den Kerker. Befreit durch Fürsprache eines Gönners, ließ er sich in Bologna nieder und heiratete mit Verspätung die zuvor verschmähte Mutter seiner Tochter. 1691 büchst er mit einer neuen Geliebten aus, wird dafür zum Tode verurteilt und erst im letzten Moment begnadigt.

          Selbstbildnis mit Hamsterbacken

          Riccis Leben, fortan stets gezeichnet durch stupende Erfolge seiner freien, scheinbar mühelosen Malkunst, pendelt zwischen den Höfen in Turin, Parma, Rom. In Wien malt er die „blaue Stiege“ von Schloss Schönbrunn aus, in Florenz stellt er sich 1706 erfolgreich dem Duell mit dem zeichnerischen Erbe der Hochrenaissance, in London malt er reihenweise Paläste aus, so dass er 1718 als reicher Mann eine Luxuswohnung in Venedig beziehen kann.

          Eine Karikatur von Anton Maria Zanetti zeigt den gealterten Erotomanen Ricci als fetten Gnom mit Monokel und zerzauster Perücke. Auch in einem erhabenen Selbstbildnis gelingt es dem Maler kaum, die eigenen Hamsterbacken zu retuschieren. Er sei eben, schreibt er in einem Brief, als fanatischer Käseliebhaber mit der Zeit selbst zu einem Weichkäse geworden. Als Ricci 1734 in Venedig seinen letzten Formaggio verzehrt, hat er gerade ein Großaltarbild für die Wiener Karlskirche vollendet.

          Die höheren Wolkenweihen der Kunst

          Die Ausstellung untermauert unser Bild vom Settecento als einer nervösen, vitalen Zeit: Riccis Leinwände wirken wie prima vista hingeworfen, sind mit geschwinden Weißhöhungen aufgehellt und verlieren sich meist gnädig in einem Hintergrund aus wuseligem Chiaroscuro-Durcheinander. Während die Gesichter oft den banalen Saugglockenmasken des Manierismus angepasst sind, drechseln und winden sich all die Heiligen und Könige artistisch empor zu den höheren Wolkenweihen der Kunst. Diese Malerei zeichnet alles aus, was unserer beamtenhaften Gegenwart schmerzlich fehlt: unvergrübelter Mut, charmante Hochstapelei, festliche Trunkenheit. Mit einem Wort: Grandezza.

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