https://www.faz.net/-gqz-6vhkx

Il Perugino in München : Ein Mann aus Umbrien

Das Licht steht Perugino gut. Münchens Alte Pinakothek feiert den Renaissancemaler mit einer glänzenden Schau. Dort gelingt die Wandlung des Betrachters zum Betroffenen.

          4 Min.

          Selten war der Konkurrenzkampf unter den Künstlern der Renaissance so intensiv, selten war das Klima aber auch so anregend wie im Florentiner Atelier des Malers Verrocchio: Leonardo da Vinci und Botticelli arbeiteten hier, Lorenzo di Credi und Ghirlandaio - und eines Tages trat ein Künstler in diese Werkstatt ein, dessen Name schon fast ein Urteil war: Il Perugino, ein Mann aus Perugia. Dort war er um 1450 als Pietro Vannucci geboren, dort hatte er sein Handwerk gelernt, in Florenz, im Druckkessel des Ateliers von Verrocchio, perfektionierte er es, ging aber bald zurück in seine Heimat, um schließlich in Rom - und diesmal auf Augenhöhe mit Botticelli und Ghirlandaio - über die Wintermonate der Jahre 1481 und 1482 fünf der sechzehn Szenen aus dem Leben Mose und Christi in der Capella Sistina sowie das Altarbild mit der Himmelfahrt Mariä zu malen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Seitdem staunte die Welt über Peruginos Fähigkeiten, Räume zu malen, die einen illusionistischen Tiefensog entwickelten, als warte im Rahmen eine Materialisierung vergangener Zeiten und Figuren. Perugino stieg zu einem äußerst erfolgreichen, im Kosmos seiner Zeit global agierenden Künstler auf, der unermüdlich zwischen Perugia, Florenz und Rom pendelte. Wie aber kommt es dann, dass ein solcher Künstler heute, wie es im Ausstellungskatalog heißt, „aus dem Schatten befreit“ werden muss?

          Schnelligkeit war nicht seine Stärke

          Dass es tatsächlich vor der aktuellen Münchner Schau keine größere Perugino-Ausstellung außerhalb Italiens gab, liegt nicht nur am Ruhm seines Schülers Raffael, sondern an einer doppelten sfortuna critica - am Pech, von den Falschen gemocht und von den entscheidenden Kritikern nicht geliebt zu werden. Vasari, der erste und mächtigste Künstlerbiograph seiner Epoche, schätzte Perugino nicht: Er stellte ihn als geldgierigen Emporkömmling dar, der in Florenz mehr durch Ehrgeiz als durch Talent reüssierte, fast vor Kummer starb, als man ihm sein Geld raubte; der Figuren, die er schon einmal gemalt hatte, in Werke wie seine Himmelfahrt in der Santissima Annunziata einfach wieder hineinkopierte, darüber hinaus halsstarrig und faul gewesen sei; tatsächlich wurden ihm mehrere Aufträge, darunter einer für den Palazzo della Signoria, wieder entzogen, weil er nicht rechtzeitig mit dem Malen begann.

          So kam es, dass Perugino, obwohl er zu Lebzeiten ein landesweit erfolgreicher, mit Lob und Geld überschütteter, von Raffaels Vater Giovanni Santi als „göttlich“ gerühmter Maler war, bald nach seinem Tod als zweitrangiger Wegbereiter für Raffael abgetan wurde. Dass Perugino später vor allem von den Nazarenern als Andachtsmaler wiederentdeckt und gefeiert wurde, erwies sich ebenfalls als kunsthistorischer Fluch: Die milden Maler des 19. Jahrhunderts schätzen die sanfte Aria angelica, die engelsgleiche Anmutung der Bilder, auch John Ruskin konnte sich 1845 mehr für die dunstige Ruhe des Perugino als für die Turbulenzen in Raffaels „Heiliger Cäcilie“ begeistern.

          Die Nazarener liebten an Perugino seine aller Schroffheit und Gewalt beraubte Natur, die Ruhe seiner Zentralperspektiven, das Lyrische und die Andacht - all das, was die Werke für eine bald danach dominierende expressive, nach Brüchen fahndende Moderne uninteressant machte. Den damit verbundenen Verdacht des bloß Lauwarmen zerstreut diese Ausstellung. Der Katalog erklärt überzeugend die Entwicklung von Peruginos disparatem Stil - von der „Kreuzigung“ aus den Uffizien, auf der die Figuren mit einer fast beckmannschen Schwärze konturiert sind und das Inkarnat grünlich und ölig wirkt, zum pastosen Leuchten und der makellos lasierten Glätte seiner für San Giusto geschaffenen Pietà.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.