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Ikonographie eines Präsidenten : Obama sitzt

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Ein sitzliegender Obama, Jazz auf klassizistischen Fundamenten, scheinbar anstrengungslose Alleskönnerei: Wären wir glücklicher, wenn auch wir solche Bilder hätten? Eine kleine Ikonographie des amerikanischen Präsidenten.

          7 Min.

          Dieses Bild hat uns durch den Sommer getragen. Und seit in Deutschland angeblich Wahlkampf herrscht, seit wir umstellt sind von Politikergesichtern, Politikergesten, Politikergelächel, seitdem wird dieses Bild immer noch besser, faszinierender, abgründiger: Barack Obama spricht mit Beratern, während er auf der Treppe zur Residenz des amerikanischen Botschafters in Paris sitzt; am 7. Juni war das.

          Kurz darauf begann das Bild durchs Internet zu geistern; in den Blogs wie Wonkette.com wurde es mit der üblichen Humorigkeit kommentiert. Stufen zu glatt? Obama ausgerutscht? Die Leute schrieben: „This is one of those smooth jazz albums, isn't it?“ In den Kommentaren ging es um Coolness, Sexyness und die Verletzung der Präsidentenwürde. Einer fragte: „How can Obama be our king if he insists on acting like an ordinary person?“

          Es wohnt ein Skandal in diesem Bild, eine Unverschämtheit; die Frage ist nur, worin genau die besteht. Vielleicht fängt es schon damit an, dass es eben keine Aufnahme von Paparazzi ist, kein Überfall auf jemanden, der sich unbeobachtet wähnt; ganz im Gegenteil: Das Foto wurde gezielt vom Weißen Haus herausgegeben. Und gemacht hat es niemand anderes als Pete Souza, der von Obama bestellte offizielle Fotograf des Weißen Hauses. Den Posten hatte er unter Ronald Reagan schon einmal inne. Von ihm stammt auch das berühmte Bild von Michael Jackson in seiner Phantasieuniform zwischen Reagan und seiner Frau, ein lebendes Wachsfigurenkabinett.

          Der Erste Hofmaler Amerikas

          Man liegt nicht falsch, wenn man Souza als den Ersten Hofmaler Amerikas bezeichnet. Nicht nur weil diese Momentaufnahme so fein komponiert wirkt und weil die Beiläufigkeit der Inszenierung und die Inszenierung der Beiläufigkeit so stark an Velázquez erinnern. (Der Zettel in der Hand des linken Beraters wirkt beinahe wie ein direktes Zitat aus dessen Königsporträts). Es greift hier offenbar wieder einmal die Regel, dass hinter allem, was einem neu und unerhört vorkommt, eine Erinnerung steckt, dass jeder Überraschung ein Wiedererkennen innewohnt. Und manchmal besteht der Job des Fotografen einfach darin, die Momente zu erkennen, in denen sich die Wirklichkeit zum Gemälde fügt.

          Der Kunsthistoriker Martin Warnke, der am Warburg-Haus in Hamburg einen Bildindex zur politischen Ikonographie aufgebaut hat, sieht das Obama-Foto in der Tradition der Beraterbilder, eines Bildtypus, der erfunden wurde, um gewissermaßen eine Demokratisierung des Herrschers auszudrücken: seine Beratbarkeit, die ja die Möglichkeit von Ratlosigkeit impliziert; und seine Bereitschaft, das öffentlich zuzugeben, was ihm wiederum als politische und persönliche Tugend, also Stärke ausgelegt werden kann.

          Bei dem Miniaturenmaler Joris Hoefnagel sieht das in den 1590er Jahren zwar noch so aus, dass die Berater um den Thron des Kaisers hocken wie die Mönche um ihren Abt. Aber das Ungehörige, der Verstoß gegen das Hierarchiegefüge spielen immer wieder eine Rolle. Sogar das Liegen des Herrschers hat Vorprägungen: Aus der Werkstatt des Meisters von Boucicaut gibt es das Bild eines bettlägrigen Karls VI., dessen Höflinge das Bett umstehen wie besorgte Ärzte. In der berühmtesten aller Unterredungsszenen auf einer Treppe, in Raffaels „Schule von Athen“, wäre Obamas Entsprechung nicht ganz zufällig die Figur des ebenfalls auf den Stufen hingestreckten Diogenes: der Konventionenverächter und „Weltbürger“.

          Befremdliches Sitzliegen

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