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Ikone türkischer Malerei : Ein Aufstand ohne Wappentier

  • -Aktualisiert am

Der rätselhafte „Schildkrötenerzieher“ ist das berühmteste Gemälde der Türkei. Es erzielte den Rekordpreis von 3,5 Millionen Dollar. Viele glauben, es symbolisiere die Unmöglichkeit, das Land zu reformieren. Kann eine Ikone des Stillstands das Lieblingsbild eines Landes im Umbruch sein?

          Das berühmteste Gemälde der Türkei hängt weltweit in Wohnzimmern, Geschäften und Restaurants, es wurde millionenfach reproduziert, auf Postkarten, Postern, Tellern, Vasen, im Internet. Um die Mona Lisa der Türkei zu sehen, muss man nicht in die Türkei fahren. In Frankfurt kann man einfach in das türkische Restaurant „Okyay“ gehen, an der Galluswarte, gleich um die Ecke unseres Redaktionsgebäudes. Das Bild hängt, in einem goldenen Rahmen, neben der Eingangstür. Wer sein Essen am Tresen bestellt, schaut es beim Warten an. Wer sich an einen Tisch setzt, blickt zwangsläufig darauf. Und nicht nur dort. Zum ersten Mal habe ich es bei einem türkischen Änderungsschneider gesehen, der ein Atelier im Taunusstädtchen Königstein führt. Auch er hat es in seinem Geschäft aufgehängt. Wieder über der Tür. Wieder so, dass jeder, der den Laden betritt, es sehen muss.

          Worum geht es in diesem Bild? „Um die Türkei“, antwortete der Änderungsschneider, Monate vor dem Ausbruch der Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul und Monate vor der Niederschlagung. Er nannte den Titel: „Der Schildkrötenerzieher“. Fünf Schildkröten kriechen über einen Fliesenboden, drei davon haben sich um einen Derwisch aufgestellt, zwei weitere scheinen das Interesse verloren zu haben, sie wenden sich ab und gehen. Schildkröten, sagte der Änderungsschneider, könne man nicht erziehen. Jeder Versuch sei hoffnungslos, es bleibe alles beim Alten, egal, wie man sich anstelle. In den Augen des Änderungsschneiders war dieses Gemälde eine Ikone des Stillstands, eine Allegorie seines Heimatlandes, verkörpert durch fünf tellergroße Schildkröten. Ob das Bild in seinem Atelier hängt, um ihn an das Land zu erinnern, aus dem er kommt, oder um ihn daran zu erinnern, warum er weggegangen ist, verriet er nicht.

          Die Schildkröte ist kein Königstier

          Was bedeutet es, wenn das populärste Bild eines Landes vom Stillstand handelt? Und kann das stimmen? Adler, Löwen, Bären, ja sogar Krokodile repräsentieren Länder, Nationen oder Kontinente, ihre Macht, Kraft oder Größe. Sie werden auf Münzen gedruckt, auf Fahnen, sie sind Wappentiere, man malt sie auf Wände und Decken, stellt sie als Statuen auf oder hängt sie, wie den Bundesadler, in den Plenarsaal des Bundestages. Die Schildkröte ist kein Königstier.

          Je länger man den „Schildkrötenerzieher“ ansieht, desto merkwürdiger wird das Bild. Der Inhalt, das, was man sieht, ist eine osmanische Szene, ausstaffiert mit vielen historischen Details, von der Architektur über den Derwisch bis zu den Fliesen und Ornamenten. Stilistisch, in der Form, wie es gemalt wurde, ist es eine Hommage an die französische Salonmalerei des 19.Jahrhunderts. Neun Jahre lebte Osman Hamdi Bey, der Maler des Bildes, in Paris; geboren wurde er 1842 in Istanbul, er starb dort 1910. In Paris lernte Osman Hamdi bei Jean-Léon Gérôme, einem der berühmtesten Historienmaler seiner Zeit. Gérôme hatte umgekehrt die Türkei bereist, später Ägypten.

          Er begeisterte die Pariser mit Szenen aus dem Orient oder, vorsichtiger ausgedrückt, mit dem, was er dafür hielt: nackte Odalisken, betende bärtige Männer, Schlangenbeschwörer. Als Osman Hamdi Bey den „Schildkrötenerzieher“ zum ersten Mal ausstellte, im Jahr 1906, erschien ihm Paris der natürliche Ort dafür. Das Gemälde hing in der jährlichen Salonausstellung. Aber der Titel war anders: „L’homme aux tortues“. Kein Erzieher also, kein Trainer, kein Beschwörer. Einfach nur ein Mann mit Schildkröten. Und noch dazu einer, der den Parisern bereits 1906 genauso aus der Welt gefallen scheinen musste wie uns heute.

          3,5 Millionen Dollar

          Kann so eine Ikone des Traditionalismus aussehen? Malt so ein Konservativer? Für den Abend verabrede ich mich zu einem Telefongespräch mit einem türkischen Historiker, Edhem Eldem. In der „New York Times“ schrieb er vor kurzem einen viel beachteten Artikel mit der Überschrift „Die falsche Nostalgie der Türkei“. „Ein Opfer an die Götter des Neo-Liberalismus und des Neo-Ottomanismus“ nannte er Erdogans Pläne, den Gezi-Park einzubetonieren und stattdessen die Replik einer osmanischen Kaserne zu errichten, in die ein Einkaufszentrum ziehen sollte. Zwiebeltürmchen und Geschäftsinteressen, die Proteste richten sich gegen eine Investorenarchitektur, die sich historisch einkleide. Hinter der Fassade würden die eigenen Interessen umso rücksichtsloser verfolgt. Er hoffe, antwortet Edhem Eldem per E-Mail, um 20Uhr zu Hause zu sein. Dann könnten wir sprechen. Eldem unterrichtet an der Istanbuler Bogaziçi Üniversitesi, für das Sommersemester wurde er an die Universität Bonn eingeladen.

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