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Ikone türkischer Malerei : Ein Aufstand ohne Wappentier

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Warum ist also Osman Hamdis „Schildkrötenerzieher“ so berühmt? Was macht das Bild so beliebt? „Sie wissen, seit wann das Bild so berühmt ist?“, fragt Eldem am Telefon zurück. Ich wusste es nicht. 2004 wurde es auf einer Auktion versteigert, für fünf Billionen Türkische Lira, der Betrag entsprach umgerechnet 3,5Millionen Dollar. Es war das teuerste Gemälde, das je auf einer türkischen Auktion verkauft wurde. Es gehört seitdem der „Suna und Inan Kiraç-Stiftung“, die das private Pera-Museum in Istanbul betreibt. Der Preis war eine Sensation. Die Zeitungen schrieben, das Fernsehen berichtete, das Bild wanderte durch öffentliche und private Websites. Der Ruhm, so Eldem, sei mit dem Geld gekommen. Und erst dann wollte jeder wissen, was dieses berühmte Gemälde zu bedeuten habe.

Vor zehn Jahren hing „Der Schildkrötenerzieher“ also noch nicht in türkischen Wohnzimmern, Restaurants oder Geschäften. Wer die Kunstgeschichte kennt, weiß, dass sich über fast alle populären Gemälde eine ähnliche Geschichte erzählen ließe. Auch bei dem diamantenbesetzten Schädel des englischen Künstlers Damien Hirst kannten 2007 alle zuerst den Preis - danach fing das Rätselraten an, was er zu bedeuten habe.

Am darauffolgenden Tag schickt Edhem Eldem einen Aufsatz mit dem Titel „Making Sense of Osman Hamdi Bey and His Paintings“. Es ist ein Glanzstück der Recherche, erschienen 2012 in der Zeitschrift „Muqarnas: An Annual on the Visual Cultures of the Islamic World“. Bild für Bild geht er Osman Hamdis Œuvre durch, sein Archiv, sein Vermächtnis. Er malte nicht nur: Er war Archäologe, Museumsdirektor, Beamter. 1881 gründete er das erste Museum der Türkei, es ist heute das Archäologische Museum von Istanbul. Eldems Aufsatz zeigt Osman Hamdi aus der Vogelperspektive, breit und umfassend. Aber er blickt mit den Augen eines Adlers darauf, der die wichtigsten Details erspäht.

Eldem hat Osman Hamdis Vorlage gefunden, das Bild, das ihn inspirierte: ein japanischer Druck, veröffentlicht in der französischen Zeitschrift „Le Tour du monde“, die der Künstler 1869 erwarb. Die kleine Abbildung stellt einen fahrenden koreanischen Schausteller dar, der mit einer Trommel Schildkröten dazu bringt, sich zu einem Turm aufeinanderzustapeln. Aus dem Koreaner machte Osman Hamdi einen Derwisch, aus der Trommel wurde eine Flöte, aus sieben Schildkröten wurden fünf. „Mann mit Schildkröten“, wie das Gemälde ursprünglich hieß, ist das Bild eines türkischen Künstlers, der sich für eine koreanische Tradition begeisterte, die ein Japaner aufgezeichnet hatte - und die er nach Frankreich exportierte. Verrückter kann ein Bild eigentlich nicht sein.

Trotzdem eine Allegorie der Türkei?

„Der moderne Kemalist“, sagt Eldem, „glaubt, dass das Gemälde eine wunderbare Illustration dafür sei, dass Schildkröten - sprich die Traditionalisten - in die Modernität gezwungen werden müssen. Ein Islamist hält es für eine wunderbare Illustration der Würde und Schönheit des Osmanischen Reichs.“ Alle glauben, in dem Bild einen Zeugen zu finden. Jeder erfindet sich seinen eigenen Schildkrötenerzieher.

Beim Mittagessen in dem türkischen Restaurant frage ich die Kellnerin, eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig, was es mit dem Gemälde an der Wand auf sich habe. „Es ist sehr berühmt“, sagt sie und verschwindet hinter dem Tresen. Der Titel laute, erklärt sie beim Zurückkommen, „Der Schildkrötenerzieher“. Ihre Antwort klingt wie eine Frage.

Braucht eine politische Bewegung eine Ikone, hatte ich Eldem gefragt. „Das ist das Sympathische an der neuen Bewegung in der Türkei“, antwortete er: „Sie hat keine Ikone.“ Aber die alten Lager, die Religiösen, die Kemalisten, die Militärs versuchten, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. „Die jungen Leute werden erdrückt“, sagt Eldem. Dann benutzt auch er eine Tiermetapher - „eingezwängt zwischen die alten Elefanten“.

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