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Ikea in der Pinakothek der Moderne : Du musst nur fest dran schrauben

Liebt Ihr „Billy“, habt Ihr „Gemyt“? 1943 wurde Ikea gegründet, heute haben Kinder oft die gleichen Namen wie die Produkte des Einrichtungskonzerns. Eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt die besten Möbel. Aber was erzählen die über uns und unsere Gesellschaft?

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          Es gibt diesen verräterischen Moment bei Ikea an der Kasse. Es ist ein Spiel, das alle spielen, obwohl sie es nicht zugeben. Das Spiel heißt: Zeige mir, was du auf deinem Einkaufswagen hast, und ich sage dir, wer du bist.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Da ist der Familienvater, er kauft einen „Klinteby“-Teppich fürs Kinderzimmer, den Übertopf „Kardemumma“ für den Balkon und drei „Billy“-Regale. Da ist, an der Kasse neben ihm, der Mann, der den Dessertteller „Charmör“ kauft und einen Kerzenständer namens „Skimmer“. Draußen, auf dem Parkplatz, wirft er diese Dinge auf den Beifahrersitz seines BMWs und donnert los, der Familienvater schaut wütend, während er versucht, die „Billy“-Regale hinten in den VW Touran zu schieben, dann tritt ein kaltes Lächeln auf sein Gesicht, man ahnt, was er denkt: Warte nur, schöner Mann mit dem BMW, bald lernst du eine Frau kennen, servierst ihr Eis auf dem „Charmör“-Teller, und bald hast du auch eine Großraumlimousine und drei Kinder und „Kardemumma“ im Kofferraum. Über all diesen latenten Dramen dröhnen, wie die Stimmen grimmiger Götter, die Ansagen durch die Hallen: „Die kleine Josefine will aus dem Kinderparadies abgeholt werden, ich wiederhole, die kleine ...“ - „... Der kleine Nils möchte ...“ - „Die Eltern der kleinen Alvine ...“

          Showroom für Skulpturen

          Oft haben die Kinder die gleichen Namen wie die Produkte von Ikea. Dass Möbel überhaupt Namen bekommen, war die Idee von Brita Bayley, der Sekretärin von Ingvar Kamprad, der 1943 in Elmtaryd bei Agunnaryd I-K-E-A als Vertrieb für Haushaltsbedarf gegründet hatte und ab 1956 Möbel als Bausätze verkaufte. Einige Ikea-Namen sind einleuchtend, andere weniger: Ein rotlackiertes Regal heißt „Lack“, ein eckiger Schrank „Kubist“, das Pflegemittel für das Sofa „Säter“ heißt „Absorb“, das versteht man alles noch, aber: Warum ist ein „Kasten mit Deckel“ ein „Flört“ und ein Messer-Set „Legitim“? Und heißt der dicke Teppich „Dragör“ auch in Frankreich so, wo man sich nicht gern zu einem „dragueur“ auf den Teppich rollt?

          All diese Fragen beantwortet die Münchner Ikea-Ausstellung nicht. Sie versammelt Meilensteine des günstigen Möbeldesigns aus sechs Jahrzehnten, auch solche, die es in Deutschland nie gab: den Tisch „Lövet“ von 1956 zum Beispiel, das erste Selbstbaumöbel von Ikea, das heute auch auf einer Auktion als sündteure Kostbarkeit der skandinavischen Designmoderne im Stil von Aalto durchginge. Nicht immer war Ikea so stilsicher, wie eine quietschorange Sitzgruppe namens „Skopa“ zeigt, die so aussieht, als hätten Marsmenschen in Rumänien aufgrund sehr unscharfer Fotos Möbel von Panton nachbauen lassen. Aber die Ausstellung will keine Kultur- und Mentalitätengeschichte liefern; sie präsentiert die Massenmöbel fast sakral, wie MoMA-fähige Skulpturen, und will beweisen, dass „democratic design“ durchaus waschechte Kunstwerke hervorbringen kann. Man hätte die sozialdemokratisch-skandinavische Utopie Ikea auch anders zeigen können.

          Vom Aufständischen zum Sitzenbleiber

          „Billy“, „Ivar“, „Lauri“ - die Möbel stellen sich mit Vornamen vor, wie es seit der berühmten „Duz-Reform“ der sechziger Jahre auch in schwedischen Behörden üblich war. Auflösung der Hierarchien - das war auch eine Botschaft von Ikea. Kamprad zitierte gern die Reformpädagogin Ellen Key und ihre Parole von der „Schönheit für alle“, eine Idee, die auch Werkbund, Bauhaus und die Hochschule für Gestaltung in Ulm verfolgten. Ikea war eine Gegenbewegung zur Musealisierung des Lebens: Während sich das junge bürgerliche Paar verschuldete, um sich eine Schlafzimmergarnitur, eine Eichenfurnier-Anrichte mit Mahagonibilderrahmen darauf zu leisten, und die Wohnung als Kokon entwarf, in dem das zukünftige Leben musealisiert werden konnte, war der Ikea-Kunde anders. Ikea-Möbel der siebziger Jahre sahen aus, als hätte man spontan eine Kiefer zersägt und zu Betten, Regalen, Tischen zusammengenagelt. Sie behielten immer die Aura des Vorläufigen und entkamen der Melancholie des endgültig Eingerichteten. Das „abreisefertige Aussehen“, das Ernst Bloch der modernen Architektur bescheinigte, fand sich ebenso in den schnell wieder auseinanderschraubbaren Möbeln von Ikea. Sie versprachen Veränderbarkeit, statt nur die bestehenden Verhältnisse zu möblieren, und wurden so auch zu einer politischen Aussage.

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