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Houdon in Frankfurt : Kunst kann sehr gefährlich sein

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Man erwartet erhebende Kunst der Aufklärung - und steht dann mitten im unverstellten Leben: Der Bildhauer Jean-Antoine Houdon in der fesselnden Jubiläums-Ausstellung des Frankfurter Liebieghauses.

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          Jean-Antoine Houdon, so lehrt die Kunstgeschichte, war ein Bildhauer des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, der mit den künstlerischen Konventionen seiner Zeit brach. Nicht mehr der bildungsbefrachtete Vorrat an antiken Mythen, die starren Kunstregeln der Akademien und die versteinerten Verhaltenscodices des Adels waren seine Vorbilder, sondern das unverstellte Leben, Menschen, ihre Charaktere, ihr Verhalten, ihre Schicksale. Ein Rebell also, beflügelt von der Aufklärung, inspiriert vom Vorbeben der Französischen Revolution – aber gesittet genug, um beim europäischen Hochadel zu reüssieren. Gründe genug für Frankfurts Liebieghaus, um zu seinem hundertjährigen Jubiläum Werke dieses Künstlers auszustellen, der Katharina II. so ungeschönt porträtierte wie Benjamin Franklin oder Diderot.

          „Die sinnliche Skulptur“ ist die Schau untertitelt. Folgerichtig zeigt ihr Plakat das cremig schimmernde Marmorgesicht eines Mädchens, umhüllt von einem weichen Schal und mit leicht geöffneten Lippen, die an das rätselhafte Mienenspiel der Mona Lisa denken lassen. Man reagiert mit Neugier. Verhaltener Neugier, denn auch wir folgen, bei allem zeitgenössischen Pluralismus, einem Kunst-Kanon. Er ist zwar vager als der des Ancien Régime, aber ähnlich wirksam: Rebellisches, Aufrüttelndes rechnen wir automatisch der Gegenwartskunst zu, historische Kunstwerke, selbst bewegende, gelten uns eher als Besinnung weckende Kronzeugen von Kontinuität und Kultur.

          Instinktive Schutzgeste

          Mit dieser Erwartung betritt man den ersten Raum der Ausstellung. Intim, delikat dunkelblau getönt, schmeichelnde Beleuchtung. In der Mitte, auf einem edlen Sockel, eine einzige, fast lebensgroße Bronzeplastik. Gegossen 1787, zeigt sie ein junges Mädchen. Abwärts der Hüften ist es nackt. Die schlanken Beine mit leicht gebeugten Knien sind aneinander gepresst, der rechte Fuß ist leicht erhoben. Die Scham wird vom Zipfel eines Wolltuchs bedeckt, über dem sich wie schutzsuchend die Unterarme kreuzen. Die Oberarme, der Oberkörper und die hochgezogenen Schultern sind mit dem Tuch umwickelt, das auch den tief geneigten Kopf bedeckt und, weit über die Stirn gezogen, das Gesicht nur ahnen lässt.

          „Der Winter, genannt Frileuse“, so informiert eine Schrifttafel über diese Plastik, deren schimmernde bräunliche Bronze den Körper förmlich atmen und verwirrend lebendig wirken lässt. Sie zählt zu den berühmtesten Houdons. Unmittelbar gebannt, erkennt man nach einiger Zeit in der faszinierenden Sinnlichkeit den Typus der „Aphrodite von Knidos“ des Praxiteles und deren römische Kopie, die „Kapitolinische Venus“. Doch Houdon hat die weltberühmte, elegant die weibliche Blöße verbergende Pose, die dem antiken Kunstwerk den Namen der „schamhaften Göttin“ eintrug, zur instinktiven Schutzgeste eines Mädchens verdichtet, das zwar genauso göttlich schön ist, aber so gut wie in einem Palast auch in einer Hütte zu Hause sein könnte.

          Isolation und Hilflosigkeit

          Der Name „Winter“, der die Plastik als Allegorie der Jahreszeiten ausweist, wäre so gesehen nur Vorwand, um natürliche weibliche Schönheit zu feiern, die weder Stände noch Ziererei kennt. Ist das die Aufklärung? Eine kapriziöse Manifestation von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“? Man wäre restlos verkopft, würde man in Houdons aufreizend verhüllter Nackter nicht auch Spuren jener schlüpfrigen Erotik erkennen, die zuvor François Bouchers Aktgemälde pubertärer Mädchen dem greisen König Ludwig XV. lieferten. Der entscheidende Unterschied zu dessen berechneten und berechnenden Geschöpfen sind die Isolation und die Hilflosigkeit von Houdons Figur. Sie tritt schließlich so sehr in den Vordergrund, dass man eine Trauernde und zuletzt eine zu Tode Geängstigte zu sehen meint.

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