https://www.faz.net/-gqz-93yzu

Münzmuseum : Von Sparstrümpfen und Frauenrechten

  • -Aktualisiert am

Feinmechanik der Wertschöpfung: Historische Prägewerkstatt im Pariser Musée de la Monnaie. Bild: Gilles Rigoulet/hemis.fr/laif

Die Münze lebt: In Paris öffnet das Hôtel de la Monnaie einen neuen, spektakulären Gebäudekomplex. Ein Besuch lohnt sich.

          Die Briten haben alles falsch gemacht. Zwischen 1809 und 1975 befand sich die Royal Mint in einem Gebäudekomplex nahe dem Tower of London. Nach der Auslagerung der Produktion nach Wales wurde das Hauptgebäude der Königlichen Münzprägeanstalt, das monumental-antikisierende Johnson Smirke Building, in den 1980er Jahren außen entstellt und innen fast völlig zerstört. Auf der Hinterseite durch zwei maßstabslos massige Neubauten flankiert, beherbergte es nunmehr leerstehende Büros. Ein ambitiöses Renovationsprojekt will jetzt alle Gebäude auf dem gut zwei Hektar großen Grundstück auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen. Doch vermag der von Baulöwen getragene Plan nicht darüber hinwegzutäuschen, dass nichts vor Ort mehr an die einstige Bestimmung des Areals erinnern wird und das denkmalgeschützte Gebäude eine rein kommerzielle Bestimmung erhalten soll: Neben einem Restaurant und einer Bar wird es ausschließlich Büros beherbergen.

          Die Franzosen haben ihrerseits alles richtig gemacht. Ihre Münze hat viel gemein mit jener der Briten: Sie wurde in etwa der gleichen Zeit erbaut, sie liegt ebenfalls im Herzen der Hauptstadt, und das Gros der Produktion wurde auch hier in den 1970er Jahren in die Provinz ausgelagert. Jetzt konnte das „lebende Münz-Museum“ dem breiten Publikum erstmals zugänglich gemacht werden. „Lebend“ deshalb, weil vor Ort noch 288 Mitarbeiter tätig sind, die Sammlermünzen, Medaillen und Ähnliches herstellen – und dabei hinter Glas beobachtet werden können! Fassen wir es zusammen: Im Gegensatz zur Londoner Münze gehört jene in Paris nach wie vor dem Staat, ihre Bausubstanz und ihre Bestimmung wurden bewahrt, die kunsthistorisch bedeutendsten Interieurs können besichtigt werden, ein Museum präsentiert die Sammlung und Geschichte der Institution. Die Franzosen haben wirklich alles richtig gemacht.

          La Monnaie de Paris, das ist zunächst ein königlicher Repräsentationsbau in bester Lage. Die Münze liegt am linken Seineufer direkt neben dem Institut de France und fast gegenüber der Cour carrée des Louvre am andern Ende des Pont des Arts. Zugleich schlicht und erhaben, massiv und wohlproportioniert, stellt das 1769 bis 1775 durch den Architekten Jacques-Denis Antoine erbaute Hôtel de la Monnaie eines der frühesten Zeugnisse des Louis-XVI-Stils dar.

          Gut zwei Jahrhunderte lang war den Bewohnern wie Besuchern der Hauptstadt verborgen, was hinter dieser Fassade liegt. Erst die schrittweise Umnutzung des Komplexes seit 2009 machte das Areal zugänglich. Im Rahmen von Wechselausstellungen mit zeitgenössischer Kunst erhielten Besucher so erstmals Zutritt zur Ehrentreppe und zum großen Salon – zwei Prunkstücken des Hôtel de la Monnaie. 2015 bezog der Dreisternekoch Guy Savoy auf der Beletage eine Raumfolge westlich der Ausstellungssäle.

          Die Eröffnung eines neuen Münz-Museums macht jetzt einen weiteren Teil des Komplexes zugänglich. So führt der Weg zum Museumseingang über das spektakuläre Vestibül und den nicht minder eindrucksvollen halbkreisförmigen Ehrenhof. Damit nicht genug, wird bald ein Netz von Fußgängerwegen durch weitere Höfe, Passagen und Galerien hindurch das Areal mit dem umliegenden Viertel verbinden. So entsteht bis 2018 eine neue, frei zugängliche Promenade.

          Das Museum präsentiert auf zweitausend Quadratmetern ebenso viele Exponate. Zum Auftakt stellt ein enger, rabenschwarzer Raum die dem Innern der Erde entrissenen Grundstoffe vor, aus denen Münzen und Medaillen hergestellt werden. Jeweils eine Vitrine mit Texttafel liefert hier Anschauung und Informationen zu den Metallen und Legierungen Aluminium, Bronze, Eisen, Gold, Kupfer, Nickel, Platin, Silber, Zink und Zinn. Clou ist ein historisches Exemplar des Urmeters aus Platin.

          Der nächste Raum kontrastiert durch Überschaubarkeit und Lichtfülle. Eine schwarzweiße Kachelwand fasst hier die Geschichte der Laboratorien der Monnaie seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zusammen. Es folgt ein brückenartiger Gang mit natürlichem Oberlicht, in dessen Mitte sich ein abgedunkelter Abschnitt befindet. Das Herz des Museums erwartet einen an seinem Ende. In einem Riesenraum findet sich hier die ganze Palette der Produkte ausgebreitet, die in der Monnaie de Paris seit ihrer Gründung im Jahr 864 hergestellt werden, was sie nebenbei zum ältesten Unternehmen der Welt macht. Zu den Mitarbeitern der Münze zählen Koryphäen aus rund fünfzehn als rar angesehenen Kunsthandwerker-Berufen. Diese Hüter eines immateriellen Kulturerbes prägen nicht nur Münzen und Medaillen, sondern produzieren auch Emaillewaren, Kunstgüsse und Schmuckstücke. Etwa die Orden der Ehrenlegion, Statuetten von Asterix und Obelix oder von Andrée Putman entworfene Ketten, Ringe und Armbänder.

          Thematisiert dieser Riesenraum auch technische Aspekte der Münzprägung, so befasst sich der nächste Saal mit grundsätzlichen Fragen. Das Geldstück wird hier als Tauschobjekt, als Wert- und Zähleinheit, als Verkörperung der Staatsgewalt und als Gegenstand der Thesaurierung unter die Lupe genommen. Münzen aus Weißblech oder Keramik – sogenanntes Notgeld – zeugen beispielsweise von politisch-ökonomischen Wirren, wohingegen ein im 15. Jahrhundert im südfranzösischen Uzès versteckter Schatz aus 517 Silberstücken nicht in einer Krisensituation angehäuft wurde, sondern zu Spekulationszwecken.

          Die beiden letzten Säle im ersten Stock beleuchten die Praxis des Münzsammelns und präsentieren sehr verschiedenartige Schätze: einen spätrömischen Sparstrumpf, eine Kriegsbeute aus Französisch-Indochina, Fundstücke eines holländischen Schiffbruchs. Den von einer Treppe umlaufenen Fahrstuhl kleiden zum Erdgeschoss hin silberfarbene Platten aus, deren Stanzlöcher klingelnde, scheppernde, dumpf hallende Metallgeräusche verbreiten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Am Fuß der Treppe erwartet einen das ehemalige Herzstück der Monnaie de Paris: das „Grand Monnayage“. Dieses tempelartige Atelier bildet das räumlich-logistische, aber auch symbolische Zentrum des Komplexes. Sein langgezogenes Hauptschiff wird durch eine halbkreisförmige Apsis verlängert, unter deren partiell verglaster Kuppel eine marmorne Fortuna thront – als Schutzgöttin für diese Institution keine schlechte Wahl. Hinter dem Halbrund der Apsis stellen Vitrinen und ein suggestiver Kurzfilm die Fabrik von Pessac vor, wohin die laufende Produktion in den 1970er Jahren ausgelagert wurde. Heute werden dort neben französischen Euro auch Münzen in rund vierzig ausländischen Währungen geprägt, etwa Francs CFA, omanische Baisa oder guatemaltekische Centavos. Mit der Eröffnung des Museums haben im „Grand Monnayage“ wieder sieben Pressen Platz gefunden, deren Betrieb Besucher hinter Glas beobachten können.

          Und wer mit Numismatik wirklich nichts am Hut hat, mag Gefallen finden an einer der Kunstausstellungen in der Beletage. Sie sollen den Akzent auf Skulpturen legen, auf die Beziehung zwischen bildender und angewandter Kunst und auf Frauenrechte. Letzteres, weil ein ehemaliger Inspecteur général de la Monnaie, der illustre Mathematiker und Politiker Nicolas de Condorcet, vor und während der Revolutionszeit für die Emanzipation der besseren Hälfte des Menschengeschlechts gefochten hatte. So präsentiert die Schau „Women House“ ab dem 20. Oktober auf tausend Quadratmetern Arbeiten von vierzig Künstlerinnen, die einen dezidiert weiblichen Blick auf die häusliche Sphäre werfen.

          Weitere Themen

          „Andere Eltern“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Andere Eltern“

          „Andere Eltern“ läuft ab dem 19. März um 20:15 Uhr bei TNT-Comedy

          Topmeldungen

          Präsidentschaftswahlkampf : Bidens Zöger-Kandidatur

          Der frühere Vizepräsident Joe Biden wirft den Demokraten immer wieder Häppchen hin und deutet eine Kandidatur für die Präsidentschaft 2020 an. Doch bislang ist er nicht offiziell im Rennen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.