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Hopper-Ausstellung in Paris : Das Glück der Entwurzelung

Er ist der Meister der Bilder vom Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein: Das Grand Palais in Paris widmet dem amerikanischen Maler Edward Hopper eine gewaltige Ausstellung.

          Über Edward Hoppers Großstadtbilder wird fast immer das Gleiche geschrieben: dass man auf ihnen Menschen sehe, die an ihrer Entwurzelung in einer seelenlosen Metropolenwelt leiden. Bindungs- und wortlose, vereinsamte Opfer einer erkalteten Moderne. Zombies des entleerten Daseins im apokalyptischen Schlagschatten von Räumen, die keinen Halt bieten. Robert Morris spricht von Bildern einer „Entfremdung“ des Menschen in der industrialisierten Welt, Brian O’Doherty sieht in Hoppers Figuren ebenfalls ihre „Entfremdung“ von sich selbst.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was legt diesen Befund nahe? Hoppers Bilder sind es nicht. Zum Beispiel das Gemälde „Eleven A.M.“ von 1926. Man sieht: ein amerikanisches Zimmer mit tiefen Fenstern in einem Apartmentbau des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, eine nackte Frau, die, nur mit Schuhen bekleidet, in einem blauen Sessel sitzt und nach draußen ins Licht einer schon hochstehenden Sonne schaut. Mehr sieht man nicht. Hopper bewertet die Situation nicht, er zeigt Menschen mit einer impassabilité, die keine eindeutigen Psychologisierungen nahelegt.

          Allein in der Stadt

          Zahllose Kritiker, die über das Bild geschrieben haben, kommen aber hartnäckig zu dem Ergebnis, dass es sich hier um eine unglückliche Frau handele, die an der Entfremdung zwischen sich und der modernen Welt leide und einsam sei. Mit paternalistischer Sicherheit wird freudig über das Innenleben der Dargestellten Auskunft gegeben und gleichzeitig angedeutet, dass es sich um eine bemitleidenswerte Frau handele, weil sie um elf Uhr morgens keinen Ehemann bei sich führt - und keine Wäsche, die sie vor einem ordnungsgemäßen Einfamilienhaus auf die Leine hängen kann.

          Es könnte aber ebenso gut sein, dass diese Gemälde glückliche Frauen zeigen - glücklich, weil sie all das nicht haben. Es wäre ebenso gut denkbar, dass die Frau auf „Eleven A.M.“ in der Nacht zuvor einen Mann mitgenommen hat, der gerade im Badezimmer ist, welches nicht mehr ins Bild passte; dass sie selig ins Morgenlicht blinzelt; oder dass sie froh ist, für sich zu sein, und erleichtert auf die Stadt hinunterschaut, die mit ihren Millionen von Fenstern jene Freiheit verspricht, die die Enge der Kleinstadt mit ihren tumben Männern nicht bot: ein euphorisches Alleinsein, das gerade keine betrübte Einsamkeit ist. Hopper zeigt Frauen, die allein in der Stadt sind. Schon das war in einer Zeit, in der vielen Frauen nicht nur das Wahlrecht, sondern auch der Zugang zu Studienfächern, Berufen und autonomen Großstadtexistenzen verwehrt war, eine Utopie; ein Bild vom Glück der Entwurzelung.

          Immer wieder Paris

          Es spricht viel dafür, dass Hopper, der mit Anfang zwanzig aus der Provinz nach New York zog und dort sein Leben lang blieb, in der modernen Stadt keinen Moloch der Entfremdung sah. Sein Blick in die glitzernde Seitenstraße einer nachtfunkelnden Großstadt: ein Versprechen. Das engumschlungene Paar, das leicht zerwühlt im „El Train“ von einem Fest zurückkehrt: Bild eines nahenden Glücks. Diese Bilder entsprechen keineswegs dem Befund der Melancholie, den eine Phalanx von Moderneskeptikern ihnen abpressen wollte.

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