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„British Queer Art“ in London : Die Privatsphäre wird Bekenntnis

  • -Aktualisiert am

Vorurteil und Stolz: Britische Kultureinrichtungen feiern das homosexuelle Erbe in der Literatur und Kunst. Dabei wird die erotische Orientierung jedoch zur Ideologie des Andersseins.

          7 Min.

          Robert Wyndham Ketton-Cremer war ein Literat, der 1933 im Alter von 27 Jahren das jakobitische Familienanwesen Felbrigg Hall in Norfolk erbte. Er verband die Gutsverwaltung und grafschaftliche Ehrenämter, die zum Dasein eines englischen Landadligen gehören, mit seinen geistigen Interessen. Ketton-Cremer schrieb heimatkundliche Werke, Biographien des Schriftstellers Horace Walpole und des Dichters Thomas Gray, er rezensierte für den „Times Literary Supplement“ und gehörte dem Treuhändergremium der National Portrait Gallery an. Obwohl er dies nicht offen erklärte und auch keine Einzelheiten bekannt sind, galt es wohl in seinem engsten Kreis als offenes Geheimnis, dass Ketton-Cremer homosexuell war. Er starb 1969, zwei Jahre nachdem nichtöffentliche einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern in England und Wales entkriminalisiert worden waren. Schottland und Nordirland zogen erst in den achtziger Jahren nach. Frauen wurden nicht berücksichtigt, aber nicht aus Toleranz, sondern weil für den Gesetzgeber unvorstellbar war, dass Frauen ohne Penetration befriedigt werden konnten. Mangels Erben vermachte der ledige Gutsherr Felbrigg Hall dem National Trust. Dieser betrachtet es nun als seine Aufgabe, Licht auf das Privatleben seines Stifters fallen zu lassen. Darüber kam es zum Eklat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Natur- und Denkmalpflegeorganisation ist eine von zahlreichen britischen Kultureinrichtungen, die den fünfzigsten Jahrestag der Sexualstrafgesetznovelle von 1967 markieren. In der British Library dokumentiert die Ausstellung „Gay UK: Love, Law and Liberty“ die wandelnde Einstellung zur Homosexualität seit dem Prozess gegen Oscar Wilde. Das British Museum veranschaulicht mit einer kleinen Auswahl von Münzen, Porzellan, Kleinplastiken und grafischen Werke sowie dem Verweis auf andere Objekte in der Dauerausstellung, wie die Homosexualität seit Jahrtausenden künstlerischen Ausdruck fand. Und in Aldeburgh wird die eheähnliche Beziehung des Komponisten Benjamin Britten und des Tenors Peter Pears in deren Wohnhaus in den Kontext der kulturellen, politischen und rechtlichen Lage von Homosexuellen in der Zeit vor der Reform von 1967 gestellt.

          Der National Trust zelebriert unter dem Schlagwort „Vorurteil und Stolz“ sein „LGBTQ-Vermächtnis“ mit einer Fülle von Sonderveranstaltungen, als definierten sich diese Lokalitäten eher durch die sexuelle Orientierung ihrer früheren Bewohner als durch ihre Geschichte, Architektur und Einrichtung. Mindestens fünfundzwanzig Besitztümer der Stiftung seien geprägt worden von Menschen, die den Normen von Geschlecht und Sexualität nicht entsprochen hätten, heißt es in einer Verlautbarung. Dazu zählen neben Felbrigg Hall Virginia Woolfs Cottage, Monk’s House in East Sussex, Knole House, der Familiensitz ihrer Geliebten Vita Sackville West und Vorbild für das Schloss in dem Roman „Orlando“, Kingston Lacy, dessen homosexueller Besitzer William Bankes ins Ausland flüchtete, um der Strafverfolgung zu entgehen, sowie der Hadrianswall wegen der Liebe des Kaisers zu dem Jüngling Antinoos, die lehre, dass im antiken Rom gleichgeschlechtliche Beziehungen nichts Ungewöhnliches gewesen seien. Durch die Erforschung der Geschichte dieser Orte wolle man die „vererbte Zensur“ beseitigen, die dem „Verständnis und der Wahrnehmung unseres Nationalerbes im Wege stehen“.

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