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„British Queer Art“ in London : Die Privatsphäre wird Bekenntnis

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Wenig Unterschied zwischen Kunst und Biographie

Bei der Auswahl der Exponate wird zu wenig unterschieden zwischen Kunst und Biographie. Für die Wahrnehmung von John Singer Sargents Bildnis der Schriftstellerin Vernon Lee und Dora Carringtons Porträt des Literaten Lytton Strachey sind die persönlichen erotischen Neigungen nebensächlich. Dahingegen ist die Sexualität bei Hannah Glückstein, die sich den Künstlernamen Gluck zulegte, Bestandteil androgyner Selbstdarstellung. Oft werden aufgrund der Lebensgeschichten allerdings auch Deutungen in die Bilder hineingelesen. So wollen die Kuratoren in Ethel Sands’ postimpressionistischem Interieur „Tee mit Sickert“, in dem der Künstler einer Frau gegenübersitzt, die womöglich die Lebensgefährtin der Malerin ist, queere Unterströmungen entdecken, die dem scheinbar traditionellen Interieur vermeintlich eine subversive Note verleihen. Überhaupt wird der Blick immer wieder verzerrt durch Argumente und spekulative Thesen, in denen sich die heutige Sicht auf sexuelle Identitätsfragen spiegelt.

Ein eklatantes Beispiel liefert das 1913 datierte Selbstporträt der heterosexuellen Künstlerin Laura Knight bei der Arbeit an einem Frauenakt nach dem lebenden Modell. Frauen waren damals an den Kunstakademien von Modellzeichnungskursen ausgeschlossen. Das Bild, das damals Anstoß erregte bei prüden, sexistischen Kritikern, versteht sich als selbstbewusste, feministische Antwort auf die Diskriminierung von Frauen, nicht jedoch als Ausdruck gleichgeschlechtlichen Begehrens, wie suggeriert wird. Der Katalog behauptet, viele der in der Ausstellung repräsentierten Künstler hätten „die Zwänge des Geschlechtsunterschieds, der Gender-Identität und normativer Beziehungsmodelle zwischen den Geschlechtern“ in Frage gestellt oder versucht, sich darüber hinwegzusetzen. „Die Ablehnung des Filters konventioneller Annahmen über Geschlecht, Gender, Identität, Sexualität und die Beziehung zwischen manchen oder all diesen Dingen, kann die Augen öffnen für neue Betrachtungsweisen bei der Erwiderung auf die unglaubliche Vielfalt an queeren Einladungen, Provokationen und Möglichkeiten, die diese Werke anbieten.“

Die Künstlerin Maggi Hambling, die mit 71 Jahren wohl zu jung ist für den Zeitrahmen der Ausstellung, bringt den Ansatz zur Gender-Debatte mit erfrischender Unverblümtheit zum Platzen. In einer BBC-Fernsehsendung, in der mehr als zwanzig Künstler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler erörterten, wie ihre Sexualität sich auf ihr Schaffen ausgewirkt habe, lehnte die lesbische Malerin Kategorien wie Frauenkunst oder schwule Kunst oder heterosexuelle Kunst prinzipiell ab. „Kunst ist Kunst“, sagte sie und frotzelte, es sei so verdammt modisch geworden, queer zu sein, dass sie sich überlege, zur Heterosexualität überzugehen.

Der Katalog kostet 24,99 Pfund; The Red House, Aldeburgh, Queer Talk: Homosexuality in Brittens Britain, bis 28.Oktober; British Museum, Desire, Love Identity, bis 15.Oktober; British Library, Gay UK: Love, Law and Liberty, bis 19. September.

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