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„British Queer Art“ in London : Die Privatsphäre wird Bekenntnis

  • -Aktualisiert am

Freiwillige Mitarbeiter müssen Abzeichen tragen

Es lässt sich streiten, ob die gleichgeschlechtliche Liebe eine „Herausforderung der Konventionen“ darstelle, wie ein Werbefilm des National Trust über Ketton-Cremer behauptet, als sei die sexuelle Orientierung eine selbstgewählte Überzeugung. Dass Ketton-Cremer ein Exemplar des von der Regierung in Auftrag gegebenen Wolfenden-Berichts über Homosexualität und Prostitution besaß, der 1957 die erst zehn Jahre später erfolgte partielle Entkriminaliserung gleichgeschlechtlicher Sexualakte empfahl, beweist, anders als der National Trust nahelegt, keineswegs, dass der Gutsbesitzer anders gelebt hätte, wenn die Homosexualität nicht bis kurz vor seinem Tod strafbar gewesen wäre. Denn zahllose Menschen jeder Orientierung möchten ihre Privatsphäre schützen, ohne dass sie sich vor Repressalien oder moralischen Tadeln fürchten müssten.

Ob das postume Outing im Sinne Ketton-Cremers gewesen wäre, wie der National Trust behauptet, sei dahingestellt. Seine Patenkinder bezweifeln das. Die Organisation sieht sich dadurch gerechtfertigt, dass Ketton-Cremers wichtigstes Vermächtnis, die Entscheidung, Felbrigg Hall dem National Trust zu überlassen, durch seine Sexualität bedingt gewesen sei, die Heirat und Kinder verhindert habe. So sicher ist sich die Stiftung ihrer sozialdidaktischen Mission, dass sie ihre freiwilligen Mitarbeiter aufforderte, Solidarität zu bekunden durch das Tragen von Abzeichen mit den Regenbogenfarben der LGBTQ-Gemeinde. Wer sich gegen diese Politisierung der Denkmalpflege sträubte, wurde vom Publikumsbereich abgezogen und mit Hinterzimmeraufgaben betraut. Erst als dem National Trust ähnliche Protestwellen entgegenschlugen wie bei seinem Versuch, die christliche Bedeutung des Osterfestes herunterzuspielen durch die Entfernung des Wortes Ostern von der Werbung für die traditionelle Eiersuche auf seinen Anwesen, lenkte er ein. Es bleibe jedem Einzelnen überlassen, ob er das Abzeichen trage, hieß es dann.

„Gay Britannia“-Saison

Die Organisation verweist darauf, dass sie zum Wohl der Nation gegründet worden sei und „leidenschaftlich glaubt, dass es unsere Aufgabe ist, jeden auf unseren Liegenschaften willkommen zu heißen, wie es unsere Gründer gewollt hätten.“ In dem Streben nach zeitgeistlicher Relevanz scheint der National Trust jedoch zu verkennen, dass Inklusivität nicht bedeutet, Wertvorstellungen durch Abzeichenpflicht durchzusetzen.

Der Journalist Peter Wildeblood, der 1954 zusammen mit Lord Montagu und dessen Vetter Michael Pitt-Rivers wegen homosexueller Vergehen verurteilt wurde in einem Prozess, der ähnlich Skandal machte wie 1895 das Verfahren gegen Oscar Wilde, schrieb in seinen nach der Entlassung aus dem Gefängnis veröffentlichten Erinnerungen: „Das Recht, das ich für mich und für alle, die wie ich sind, beanspruche, ist das Recht, den Menschen zu wählen, den ich liebe.“ Dass der erste gesetzliche Schritt zur Erlangung dieses Rechts 1967 getan wurde, verdankt sich nicht zuletzt Wildebloods Mut zum Bekenntnis. Er hat eine Schlüsselrolle in der Kampagne gegen die Diskriminierung gespielt, wie die BBC jetzt im Rahmen ihrer „Gay Britannia“-Saison zum Jahrestag des Sexualdeliktgesetzes mit einem bewegenden Dokudrama über das Unrecht beleuchtet hat, dem Homosexuelle ausgesetzt waren.

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