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Holocaust-Mahnmal : Ein Stelenwald ohne Ende und Ziel

  • Aktualisiert am

Die letzte der insgesamt 2711 Betonstelen steht: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist vollendet. Einen besonderen Schutz für die monumentale Gedenkstätte im Herzen der Hauptstadt soll es nicht geben.

          2 Min.

          Mit einem Festakt ist am Mittwoch am Holocaust-Mahnmal in Berlin die letzte der 2711 Stelen gesetzt worden. Architekt Peter Eisenman und Stiftungspräsident Wolfgang Thierse zeigten sich mit dem Ergebnis der dreijährigen Bauarbeiten zufrieden. Sie plädierten zugleich gegen ein generelles Demonstrationsverbot rund um das Gelände am Brandenburger Tor.

          „Ich bin gegen Political Correctness jeder Art“, sagte Eisenman. Bundestagspräsident Thierse (SPD) sagte, es sei nicht möglich, das Mahnmal, das an die Ermordung von sechs Millionen ermordeter Juden erinnert, vor allen möglichen Gefahren zu schützen. Er setze auf die Arbeit der Polizei und das Engagement der Bürger.

          Eröffnung im Mai

          Mit dem letzten der 2711 Betonblöcke ist die jahrelang umstrittene zentrale Gedenkstätte im Herzen Berlins fast fertig. Sie wird von einem unterirdischen Dokumentationszentrum ergänzt und im Mai 2005 offiziell eröffnet. Thierse würdigte das Mahnmal Eisenmans als „im besten Sinne anstößig“.

          Der Effekt der Beklommenheit, den das 19.000 Quadratmeter große Feld auslöst, sei gewollt. Die Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh, sagte, sie habe in letzter Zeit zunehmend positive Reaktionen gehört. „Das Denkmal hat eine Kraft in sich“, meinte sie. Finanziert wird das rund 27 Millionen Euro teure Mahnmal vom Bund.

          Exemplarische Schicksale

          Forderungen von Kritikern nach einer Eröffnung schon zum deutschen Gedenktag für Völkermord am 27. Januar wies Rosh als „unsinnig“ zurück, da die Arbeiten an dem unterirdischen „Ort der Information“ noch nicht fertig seien. Darin soll eine Ausstellung auf insgesamt 800 Quadratmeter Fläche in fünf Räumen an das Schicksal ermordeter Juden erinnern und die Vernichtung dokumentieren. Geplant ist etwa, den Weg von 15 jüdischen Familien exemplarisch nachzuzeichnen. Mit dem Ausbau soll Anfang bis Mitte Januar begonnen werden. Einen Tag nach der feierlichen Eröffnung im Mai ist das Holocaust-Mahnmal dann für alle Besucher frei zugänglich.

          Sabotagesichere Lampen

          Das einem wogenden Feld gleichende Mahnmal mit unterschiedlich hohen, eng beieinander stehenden Säulen soll durch dezente Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden. Nicht nur Rechtsextreme oder radikale Islamisten, sondern auch geistig Verwirrte könnten sich gegen das Mahnmal wenden. Dennoch lehnt die Mahnmal-Stiftung einen Zaun ab: Der Säulenwald soll öffentlich zugänglich sein, Schutz bieten unauffällige Sicherheitsbeamte und zusätzliche Polizeistreifen. Nachts werden die Stelen von „sabotagesicheren“ Lampen angestrahlt.

          Architekt Eisenman will nach eigenen Angaben mit dem Bauwerk zeigen, daß es „kein Ziel, kein Ende, keinen Weg hinein oder hinaus“ aus der Erinnerung gebe. Das Ausmaß des Holocaust mache jeden Versuch unmöglich, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, hatte Eisenman im Juni 1999 gesagt, nachdem sich der Bundestag für seinen Entwurf entschieden hatte. Dem war eine jahrelange, kontroverse Diskussion um das Mahnmal vorausgegangen. Bereits 1988 hatte die Publizistin Lea Rosh zum Gedenken an die Judenverfolgung ein „sichtbar gemachtes Bekenntnis zur Tat“ gefordert und dafür einen Förderkreis gegründet.

          Umstrittener Spendenaufruf

          Nach jahrelanger Debatte entschied sich der Bundestag im Rahmen eines Architekturwettbewerbs 1999 für Eisenmans Entwurf und stellte umgerechnet 27,5 Millionen Euro bereit, doch erst im Oktober 2001 konnte mit dem Bau begonnen werden. Kurz zuvor hatte Roshs Förderverein mit einem umstrittenen Plakat zu Spenden aufgerufen, auf das der Satz: „Den Holocaust hat es nie gegeben“ gedruckt war. Die Berliner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen Volksverhetzung auf, die Plakate wurden schnell wieder abgehängt.

          Ein weiterer Eklat folgte im Oktober 2003: Weil die Firma Degussa den Graffiti-Schutz für das Projekt bereitstellen sollte, verhängte das Kuratorium der Mahnmalstiftung einen Baustopp. Ein Degussa-Tochterunternehmen hatte während der NS-Zeit das Giftgas Zyklon B für die Vernichtungslager hergestellt. Das Kuratorium trennte sich kurz von dem Unternehmen, machte den Entschluß aber schließlich wieder rückgängig.

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