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Hokusai in Berlin : Der erste Globalisierer war ein Japaner

Hokusai ist ein Künstler jenseits aller Messlatten, ein Mittler zwischen Ost und West: In der großen Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau kann man ihn entdecken.

          Auf dem letzten Holzschnitt, den er zu Lebzeiten datierte (als neunundachtzigjähriger „Manji“ – ein Künstlername, den Hokusai sich 1834 als Mittsiebziger gab und der im Japanischen unter anderem für „Vollkommenheit“ wie für „10 000 Jahre“ steht), ist eine Gruppe Landvermesser zu sehen. Selbst als Greis hatte Hokusai seine Neugier auf technische Entwicklungen aller Art nicht eingebüßt, und er widmete dem modernen Motiv ein Blatt im seltenen Obosho-Format, dem größten aller im japanischen Druckgewerbe gängigen Papierbögen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch es ist ein typischer Hokusai, weil Mensch und Landschaft sich zum grandiosen Ensemble verbinden: Siebzehn Männer agieren in malerischer Kulisse auf gewundenen Pfaden im Hügelland der japanischen Küste, errichten Markierungen, legen Messlatten aus, und unten rechts in der Ecke hockt ein Einzelner und richtet seinen Theodoliten aus: auf uns.

          Dieses Spiel des Künstlers mit dem beobachteten Betrachter ist ein seltener Moment in der japanischen Kunstgeschichte. Aber es war ein damals längst übliches Verfahren in der westlichen Kunst. Dass Hokusai, 1760 in Honjo geboren, einem Dorf, das heute zum Tokioter Stadtteil Sumida gehört, seine mehr als siebzig Jahre umfassende Karriere als Holzschnittkünstler ausgerechnet mit einer solchen Verbindung beider Kulturen beschloss, wird seiner Lebensleistung nur gerecht. Wollte man ihren Rang bestimmen, wäre keine Messlatte lang genug.

          Die Originale sind fast alle verloren

          Jeder kennt seinen Namen, jeder sein bekanntestes Bild, die „Große Welle vor der Küste vor Kanagawa“. Aber seit 1901 hat es im deutschsprachigen Raum keine große Retrospektive von Hokusais Werk mehr gegeben. Damals, auf dem Höhepunkt der europäischen Begeisterung für japanische Kunst, die zuvor den Impressionismus und nun den Jugendstil inspiriert hatte, wurden in Wien 630 Arbeiten ausgestellt. Da kann selbst die nun eröffnete große Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau nicht mithalten, die immerhin mehr als vierhundert Werke versammelt, darunter viel Malerei. Und da allein der Detailreichtum mancher Holzschnitte – gar nicht zu reden von den in einem eigenen Kabinettraum wie in Kaskaden inszenierten gedruckten Skizzenbüchern, den „Manga“ – das Auge endlos fesselt, kann man sich in dieser Fülle leicht verlieren. Aber mit was für einem Gewinn!

          Vom „Gesamtwerk“ Hokusais, wie Berliner Zeitungen jetzt in hauptstädtischem Überschwang jubeln, kann allerdings keine Rede sein. Wir sehen lediglich einen Bruchteil. Allein tausend Vorlagen hat Hokusai für Romanillustrationen angefertigt. Die Originale sind fast alle verloren, aber in Tischvitrinen werden etliche der dünnen Hefte gezeigt – natürlich immer bei Doppelseiten aufgeschlagen, die mit Holzschnitten nach Hokusais Vorlagen geschmückt sind. Doch so viele Hefte man auch in Berlin zusammengetragen hat, es ist immer noch nur ein kleiner Ausschnitt.

          Als er sich 1812 daran machte, die Motive für das erste Manga-Buch zu zeichnen, lautete Hokusais Künstlername „Taito“. Aber das 1814 dann erschienene Skizzenbuch (wie auch alle noch folgenden vierzehn Fortsetzungen) nannten als Künstler Hokusai: den Namen, der von 1800 bis 1810 galt. Deshalb setzte sich dieser dann fest. Zumal auch die Signaturen „Taito“, „Iitsu“ oder eben „Manji“, die danach noch kamen, meist den Zusatz trugen: „der frühere Hokusai“. Wer glaubt, der Rocksänger Prince sei mit seinen Namensspielchen originell gewesen, wird hier eines Besseren belehrt.

          Die „36 Ansichten des Fuji“

          Das gilt auch für diejenigen, die bislang noch nicht wussten, dass Hokusai zu den großen Scharnierkünstlern zählt – jenen Meistern, die zwischen den Kulturen vermitteln. Die Serie der „36 Ansichten des Fuji“, aus der auch die „Große Woge“ stammt, zeigt es mit zahlreichen westlichen Einflüssen auf die Motive. Und diese Bilder brachten dann wiederum die japanische Ästhetik nach Europa: Hokusai war der erste Globalisierer der Kunst.

          Leider sind nicht einmal die „36 Ansichten“ vollständig vertreten, obwohl sie den größten Saal im ersten Geschoss des gerade prächtig renovierten Gropius-Baus einnimmt. Achtundzwanzig Motive sind vorhanden, und da die Serie entgegen ihrem Titel sechsundvierzig umfasst, ist das eine vergleichsweise bescheidene Auswahl – in Leipzig waren erst vor kurzem vierundvierzig Ansichten zu bewundern. Allerdings zeigt Berlin auch drei Probedrucke und überdies durchweg hervorragende frühe Blätter. Drucke aus jener Phase also, als Hokusai aus Begeisterung für den aus Europa importierten synthetischen Farbstoff Preußisch-Blau, der im Gegensatz zu japanischen Naturfarben nicht mehr schnell verblasste, sogar die Konturen seiner Fuji-Blätter in Blau drucken ließ. Leider griff die chemische Zusammensetzung der Farbe die Holzdruckstöcke an, so dass spätere Drucke in Schwarz konturiert sind.

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