https://www.faz.net/-gqz-9zovy

Hölderlin in Marbach : Wie still war meine Seele

Dies immerhin darf noch umgesetzt werden, andere interaktive Elemente sind aus Sorge um die Gesundheit der Besucher vorerst stillgelegt. Das betrifft im nächsten Raum zum Beispiel die Lesungen einzelner Gedichte durch den Schauspieler und Autor Hanns Zischler, vorgesehen als Begleitung zu einer Reihe von ausgestellten Hölderlin-Handschriften, die von den lyrischen Anfängen bis zum Spätwerk reichen, darunter auch ein Entwurf zu „Hälfte des Lebens“. Für die eigene Lektüre werden sie von Transkriptionen und Erläuterungen zum Kontext begleitet, wer aber auf Zischlers Interpretation neugierig ist, muss sich schon sehr recken und wird trotzdem nur einzelne Silben erhaschen: Die kleinen Lautsprecher, umhüllt wie von Pappbechern, können nun nicht mehr ans Ohr geführt werden, sondern baumeln leise raunend ein ganzes Stück über den Köpfen der Besucher.

Waldorfschüler im Vorteil

Für das angestrebte sinnliche Erleben ist das nur der Auftakt. Das Herzstück spielt sich im selben Raum in fünf Abteilungen ab, von denen derzeit immerhin drei genutzt werden können. Der Besucher liest auf einem Bildschirm ein Hölderlin-Gedicht, was per Eyetracker registriert, in eine Lichtspur umgesetzt und auf eine Leinwand projiziert wird – je länger das Auge auf einem Wort verweilt, umso dicker ist die geschwungene Linie. Wer mag, kann in einer weiteren Station ein Gedicht mit Gesten interpretieren – Eurythmieerprobte Waldorfschüler dürften da im Vorteil sein. Zwei weitere Aktionen – das Vorlesen in ein Mikrofon und das Messen des Hautwiderstands beim Lesen – fielen Corona zum Opfer.

Wem sonst als Dir: Hölderlins Widmung an Susette Gontard in seinem Roman „Hyperion“.

Es geht in diesem Versuchslabor der Empfindungen um die Frage, ob sich messen lässt, was Hölderlin-Lektüre in uns anrichtet, und am Ende dieser Abteilung soll der Besucher das noch in einer Art Multiple-Choice-Befragung für sich und andere sprachlich festhalten: Am Computer befragt, wie er „Hälfte des Lebens“ empfinde, kann er sich zwischen „wunderbar“, „langweilig“, „berührend“, „nicht gut“ und anderem mehr entscheiden, weitere Fragen zielen auf die Wirkung der wiederholten Begegnung mit dem Gedicht unter anderen Vorzeichen in der Ausstellung und schließlich darauf, welche dieser Begegnungen als am wichtigsten empfunden wurde. Spätere Literaturausstellungen könnten davon profitieren.

Um Begegnungen mit Hölderlin geht es auch in den restlichen Teilen der Ausstellung, vor allem in den wie Stolpersteine zwischen die Vitrinen der Archiv-Dauerausstellung geschobenen Tischchen, die Dokumente der Rezeption späterer Autoren enthalten, wobei ein Schwerpunkt auf Paul Celan liegt. Tatsächlich ist seine intensive und produktive Hinwendung zu Hölderlin gut dokumentiert und hier einleuchtend dargestellt. Ein weiterer Raum bettet Hölderlin dann in eine Reihe anderer schwäbischer Dichter ein, die er allerdings mühelos aussticht – mit dem Original des von Hölderlin an seine „Diotima“ Susette Gontard verschenkten „Hyperion“-Exemplars mit der so hilflosen wie anrührend trotzigen Widmung: „Wem sonst als Dir“.

Unwiderstehlich schön

Und dann steht man unvermittelt vor einer Handschrift, in der Hölderlin 1809, also bereits als unheilbar wahnsinnig eingestuft und im Tübinger Turm beim Schreinermeister Zimmer lebend, eine Ode beginnt, die Fragment bleibt und einen sprachlos hinterlässt, so unwiderstehlich schön ist der zwischen Hoffnung und Resignation wechselnde Ton: „Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind, / Ich dir noch kennbar bin“, so hebt das an, und: „So sage, wie erwartet die Freundin dich? / In jenen Gärten, da nach entsetzlicher / Und dunkler Zeit wir uns gefunden?“ Diotima ist nun seit Jahren tot, aber die Stimme, die hier erklingt, lässt nicht locker: „Das muß ich sagen, einiges Gutes war / In deinen Bliken, als in den Fernen du / Dich einmal fröhlich umgesehen / Immer verschlossener Mensch, mit finstrem / Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still / War meine Seele über der Wahrheit, daß / Ich so getrennt gewesen wäre?“

Wer fragt noch nach mehr Sinnlichkeit vor einem solchen Blatt? Vielleicht ist es ganz gut, wenn beim Lesen dieses Gedichts der Hautwiderstand gerade nicht gemessen wird.

Weitere Themen

Topmeldungen

Macrons Besuch im Libanon : Von Reue fehlt bislang jede Spur

In Beirut wird Emmanuel Macron wie ein Heilsbringer empfangen. Frankreichs Präsident verspricht Hilfe – und mahnt Reformen an. Doch nichts deutet darauf hin, dass in der Politik des Libanon eine neue Ära beginnt. Am Abend werden 16 Hafenmitarbeiter festgenommen.

Wirtschaftswunder Weiden : Von der Zonengrenze zu „Star Wars“

Weiden galt lange als Oberzentrum einer strukturschwachen Region. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Oberpfalz nicht mehr „Zonenrandgebiet“. Mit Corona und Donald Trumps Abzugsplänen droht nun aber neues Ungemach.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.