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Über den Dächern von New York : Psychoplanetarium im Zengarten

Eine leichtsinnige Erinnerung an den Schwebewunsch der Moderne: Der „gestellte“ Steingarten von Alicja Kwade auf dem Dach des Metropolitan Museums in New York Bild: EMILY ANDREWS/The New York Times

Eine Planetenmaschine schießt auf Fingertürme: Die Berliner Künstlerin Alicja Kwade begeistert New York mit einem alles in Schwingung versetzenden Dachgarten für das Metropolitan Museum.

          Der Himmel über Manhattan hat sich verändert. Über dem Central Park schweben neun schwere Steinplaneten, wobei, schweben: Sie balancieren auf, sie klemmen zwischen dünnen Stahlgestängen, die ihrerseits aussehen wie eine Entwurfszeichnung, die jemand in den Himmel über der Stadt skizziert hat.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Ganze ist ein Werk der in Berlin lebenden Künstlerin Alicja Kwade, die in diesem Jahr die Dachterrasse des Metropolitan Museum für einen Sommer lang bespielen darf, und Die New Yorker sind begeistert: die „New York Times“ feiert Kwades Werk als den besten Auftritt, seit das Dach von Dan Graham bespielt wurde, die Besucherschlangen sind auch an bedeckten Tagen wie in diesem zu kalten Mai beachtlich.

          Die Gestaltung des Met-Dachgartens ist inzwischen ein international Aufsehen erregendes Ereignis wie der Entwurf des jährlich für ein paar Monate aufgebauten Serpentine Pavillons in London – allein schon den Auftrag zu bekommen ist eine Ehre und eine Herausforderung, immerhin bestimmt das Werk für einen Sommer lang die Atmosphäre eines der schönsten Orte der Stadt.

          Kwade lässt ihre schweren, massiven Steinkugeln auf drei beziehungsweise fünf filigranen schwarzen Stahlrahmen ruhen, ein paar werden auch zwischen den dünnen Stäben gehalten, das Gerüst erinnert an die schwarzen Stahlskelette der Wolkenkratzer-Baustellen, und die Kugeln, die aus Steinbrüchen aus aller Welt stammen – weißer Marmor aus Carrara, roter aus Portugal, Stein aus Indien und grüner Quartz aus Finnland – sitzen so abenteuerlich darauf wie die berühmten Bauarbeiter, die in den schwindelerregenden Höhen dieser Baustellen auf den dünnen Stahlträgern herumbalancieren. Auch dies hier ist ein Gerüst, eine Baustelle.

          Ein Blick über die Metropole

          Aber wofür? Ein wenig erinnert die Installation an alte Planetarien, wobei mit dem Wort ursprünglich nicht das gemeint war, was wir heute darunter verstehen, sondern eine „Planetenmaschine“, ein Apparat, mit dem die Bahnen der Planeten veranschaulicht werden sollten. Es gab sie schon zu Galileo Galileis Zeiten, und seit Charles Boyle einen für den 4. Earl of Orrery gebaut hatte, werden diese Maschinen Orrerys genannt.

          Die Berliner Künstlerin Alicja Kwade Bilderstrecke

          In Zeiten, in denen naturwissenschaftliche Fakten vom amerikanischen Präsidenten breitbeinig in Frage gestellt werden, kann man Kwades Gerüstbau, dessen Planeten aus der Bahn zwischen das Gestänge gezwungen wurden, natürlich als Kritik an der neuen Wissenschaftsverachtung und die Kugeln wie die Punkte von Ausrufezeichen eines künstlerischen „March for science“ lesen – aber damit allein würde man dem Werk nicht gerecht.

          Die Stahlgestelle rahmen den Blick auf das Südende des Central Parks, auf die 59. Straße, wo seit einigen Jahren superdünne, 400 Meter hohe Luxuswohntürme als Stalagmiten des globalen Großkapitals in den Himmel stechen und wie eine Armee von abstrakten Stinkefingern dem restlichen New York zeigen, was mit Geld alles geht. Auf diese Fingertürme scheinen Kwades Marmorplaneten wie Kanonenkugeln loszuschießen.

          Eine Mischung aus Planeten und japanischem Zengarten

          Friedlicher wirken die Schattenspiele, die aus dem Gestell bei Sonne auf den Boden fallen, sie schaffen überraschende labyrinthische Bilder, die mal an komplizierte Schaltpläne, mal an das Brüsseler Atomium erinnern, an die große Fortschrittsskulptur von der Weltausstellung der Nuklearmoderne.

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