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Rembrandts Stimme : His Master’s Voice

  • -Aktualisiert am

Selbstbildnis Rembrandts aus dem Jahr 1630 im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bild: dpa

Wissenschaftler aus Pittsburgh haben Rembrandt 350 Jahre nach seinem Tod anhand seiner Selbstporträts stimmlich wieder zum Leben erweckt. Ein Hoch auf den unangekränkelten amerikanischen Realismus und Pragmatismus.

          2 Min.

          Rembrandt spricht zu uns, auch 350 Jahre nach seinem Tod. Was eine Plattitüde aus dem Setzkasten der Schnellwerbetexter sein könnte, entspricht doch dem Istzustand eines forcierten Marketingdenkens auch in der Museumswelt. In sechs „Rembrandt Tutorial“-Videos abrufbar, die allerdings – zur Ehrenrettung des Amsterdamer Rijksmuseums sei es erwähnt – von einer Bank als dessen Hauptsponsor in Auftrag gegeben wurden, spricht wirklich ein audiorekonstruierter Rembrandt über seine Maltechnik, über seinen Alltag.

          Stimmlich zum Leben erweckt wurde der Meister anhand seiner zahlreichen Selbstporträts von Wissenschaftlern der Carnegie-Mellon-University in Pittsburgh. Da es möglich sei, von einer Stimme Rückschlüsse auf das Äußere der sprechenden Person zu ziehen, habe man nun umgekehrt versucht, das Aussehen zur Grundlage für eine Rekonstruktion der Stimme zu benutzen. Man habe die Anatomie seines Kopfes wie auch seines Kehlkopfes digital nachbilden können, sogar seine Lungenkapazität mittels der sogenannten Brustbildnisse Rembrandts abschätzen können.

          Ein Hoch auf den unangekränkelten amerikanischen Realismus und Pragmatismus. Damit aber keine zu knarzige Reibeisenstimme herauskommt, seien nicht nur die teils grimmig blickenden Altersbildnisse unter den insgesamt achtzig Selbstporträts als Grundlage genommen worden, vielmehr auch Bildnisse des jungen Malers in seinen Zwanzigern. Das Resultat ist ein Stimm-Frankenstein, der für deutsche Hörer klingt, als würde Rudi Carrell aus einem Grammophon zu uns sprechen, weil offenbar ein Filter über die Stimme gelegt wurde, um eine Antikpatina zu erhalten.

          Der Rembrandt-Experte Jonathan Bikker etwa empfand die Stimme Rembrandts im Abgleich mit dessen anteilnehmender Kunst als zu hochmütig und mürrisch. Da die Stimme für eine positive Einstellung zum Sprecher wie auch zum Besprochenen bekanntermaßen wichtig ist, werden mit solch unnötigen pseudoauthentischen Präsentismen wie „Rembrandt – Das Stimmoriginal“ die Bilder unter Umständen bei manchem sonor überformt, die Museumsbesucher konditioniert wie auf altgediente Synchronsprecher, die man auch nicht mehr stimmlich von ihren Hollywood-Gesichtern lösen kann.

          Bekam man schon eine Zeit lang den unsterblichen Otto Sander als brummigen Audioguide-Onkel in gefühlt jeder zweiten deutschen Ausstellung erst auf die Ohren und dann nicht mehr aus den Ohren, ist es in der nun eröffneten Mantegna & Bellini-Schau in Berlin der Tagesthemensprecher Ingo Zamperoni, der in die Zeit und die Ateliers der beiden Renaissancegötter entführen soll. Bleibt nur zu hoffen, dass niemand auf die Idee verfällt, eines Tages die Charakterköpfe und Selbstbildnisse des Bildhauerberserkers Franz Xaver Messerschmidt zu vertonen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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