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Der Maler Georg Bernhard Müller vom Siel : Hilf mir, die richtigen Bilder zu finden

  • -Aktualisiert am

Georg Bernhard Müller vom Siel war ein vielgefeierter Maler – bis er in die Nervenheilanstalt kam. Dort wurde er, wie in Oldenburg zu sehen ist, zum Avantgardisten.

          Ist das kleine Bild unten etwa ein neues Werk von Neo Rauch? Oder von Pavel Pepperstein, von Marcel Dzama? Wer nicht weiß, was er hier vor sich hat, der könnte sich schnell täuschen und den Maler des Werks in der Gegenwart vermuten. Aber das wäre ein Irrtum, denn gemalt hat es der 1865 geborene Künstler Georg Bernhard Müller vom Siel. Er, der 1939 in einer geschlossenen Anstalt starb, ging allen voraus. Der andere Eindruck, der sich auch auf den ersten Blick einstellt, trügt aber nicht: Müller vom Siel war kein Outsider, kein Laie, sondern einer, der sein Handwerk gelernt hatte. Er wusste, wie man Wälder, Seen oder Menschen malt – und später auch Angst, Paranoia, Erregung und Sex. Und damit beginnt eine unendlich traurige Geschichte, die in ein beeindruckendes Werk mündete, dem erstmals eine eigene Ausstellung mit Katalog gewidmet wird, im Oldenburger Landesmuseum.

          Wie alle wirklich traurigen Geschichten beginnt auch diese heiter, glücklich: Strahlender Sonnenschein, Baumstämme glänzen im Licht, der Himmel leuchtet babyblau, die Blätter scheinen wie in die Luft geworfenes Konfetti. Es ist das Jahr 1905, Müller vom Siel vollendet sein Gemälde „Birkenwald am Teich“, ein gutes, sehr gutes Bild, auf das sich alle einigen können. Es ist eine Kunst, an der sich eine konservative Herrenwelt erfreut, die es normal findet, wenn Frauen nicht wählen dürfen und keine Kunstakademie besuchen. Sie gefällt aber auch jungen Damen, die vielleicht von ein wenig mehr Freiheit träumen und die Müller vom Siels Malschule besuchen, die er seit 1896 in Dötlingen bei Oldenburg betreibt. Heute hängt das Bild in der Sammlung des Oldenburger Museums. Besucher kaufen Postkarten davon, es ist ein Bild vom Glück.

          Eine Fotografie im Katalog zeigt den Maler ebenfalls 1905, schön, mit Schnurrbart, er könnte Effi Briests Geliebter sein. Er steht im Kreis seiner Malschülerinnen, zwischen Sonnenschirmen und Staffeleien. Dötlingen ist kein Kunstzentrum, Müller vom Siel aber verleiht der Gemeinde Glanz, die Welt hat er gesehen: Als er fünfzehn wurde, heuerte er als Schiffsjunge an, fuhr nach Amerika, besuchte Mal- und Zeichenkurse in New York. Später studierte er an den Akademien in München und Antwerpen, er reiste nach Paris. Dort, plötzlich, die ersten Anzeichen: Er glaubte, ein Rennpferd zu sein. „Er kehrte“, schrieb später ein Freund im Nachruf, „schweißübergossen nachts zurück. In Paris konsultierte er den berühmten Nervenspezialisten Jolly. Schon damals war es ihm, als hätte er Lokomotiven im Ohr.“

          Was war das? Ein Ausnahmezustand? Es folgte ein zäher Kampf, den Müller vom Siel 1910 verlor, als er in der Nervenheilanstalt Wehnen entmündigt wurde. Ein Jahr zuvor hatte er sich einweisen lassen, er und auch sein Bruder hofften noch, es könnte vorübergehend sein. Das Leben brach in zwei Teile auseinander. Dreiundvierzig Jahre konnte er reisen, studieren, Erfolge feiern; die nächsten dreißig Jahre sollte er nun in einer geschlossenen Anstalt verbringen. Eines behielt er bei – das Malen. Nicht mit Ölfarben, nicht auf Leinwand, nichts davon gab es für ihn als Patienten. Dafür Aquarellfarben und Transparentpapier und eine Bilderwelt, die als „fratzenhaft“ empfunden wurde.

          Das Ich ist in Unordnung

          Der Landschaftsmaler zeichnete plötzliche Penisse, er kolorierte sie in leuchtenden Farben, rot, gelb, Dutzende, Hunderte, wie Symbole einer neuen Gottheit. Im ärztlichen Gutachten hieß es, er sei auf „weibliche Personen“ eingedrungen und habe „homosexuelle Neigungen“. Die Diagnose lautete Schizophrenie. Davon, dass er sein altes Leben verlassen muss, handeln Aquarelle in der Ausstellung: Ein Herr etwa, gepflegt und gut gekleidet, blickt zurück in eine sommerliche Glückswelt. Um ihn herum ist das Gras verdorrt, das Schöne hat sich in einer Kugel abgekapselt, entfernt und unerreichbar. Die Kugel erinnert an Weihnachtsschmuck, es könnte auch eine Brust sein.

          Das Ich ist in Unordnung geraten, und Müller vom Siel weiß es. Er versucht, ihm eine Ordnung zu geben, ein Oben, ein Unten, eine Mitte, einen Logik, einen Sinn. Mit Hunderten von Bildern baut er dem Wahnsinn, in den er hineinrutscht, ein Geländer; ob es ihn hält oder tiefer hineinführt, wer will das entscheiden. Er malt abstrakt, surreal, dadaistisch, er wird Avantgardemaler, ohne es zu wollen, und ohne dass es jemand weiß.

          In einem Moment großer Verzweiflung lässt Yasmina Reza den fiktiven Schriftsteller Haberberg beten: „Gewähre mir ein heimliches Schreibheft und hilf mir die richtigen Worte zu finden, um die Wahrheit zu sagen.“ Müller vom Siel hatte ein heimliches Heft. Er schrieb, aber er malte vor allem und fand die richtigen Bilder. Ob es ihm half, werden wir nie wissen. Aber es ist der Grund, warum man sich nach dieser bewegenden Schau in Oldenburg an ihn erinnern wird.

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