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Hermann Stenner : Fünf Jahre für ein Lebenswerk

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Gerade dreiundzwanzig Jahre alt war Hermann Stenner, als er im Ersten Weltkrieg fiel. Dem Frühvollendeten blieben für sein komplexes OEuvre nur fünf Schaffensjahre. Jetzt widmet ihm das Kloster Cismar eine Retrospektive.

          „Ich schätze die Malereien Stenners sehr, wie Oskar Schlemmer auch. Er wäre einer der besten Maler Deutschlands geworden, wenn nicht der sinnlose verbrecherische Krieg seine Opfer geholt hätte“, schrieb Willi Baumeister 1950 in einem Brief. Hermann Stenner, 1891 als Sohn eines Malermeisters in Bielefeld geboren, wird gern als Frühvollendeter beschrieben, als fulminantes Talent, dem nur fünf Schaffensjahre für ein komplexes, in nahezu allen Stilarten der klassischen Moderne schillerndes OEuvre blieben.

          Von den fast dreihundert Gemälden und über 1500 Aquarellen und Zeichnungen, die nach seinem Tod in seinem teilweise geplünderten Atelier aufgefunden wurden, zeigt die Dependance des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums in Kloster Cismar nahe dem Ostseebadeort Grömitz immerhin sechzig Gemälde und vierzig Arbeiten auf Papier. Initiatoren der Ausstellung waren Mitglieder des tatkräftigen Freundeskreises, der sich vor einigen Jahren in Bielefeld zusammengefunden hat. Zur Ausstellung erschien die - ebenfalls vom Freundeskreis geförderte - überarbeitete zweite Ausgabe des üppig verlegten Werkverzeichnisses der Gemälde, verfaßt von Christiane Reipschläger und Jutta Hülsewig-Johnen.

          Initialzündungen des eigenen Stils

          In den hohen Räumen der alten Amtmannwohnung im Kloster Cismar ist nun Stenners kurzes Leben zu durchwandern - und es entsteht das Bild eines Getriebenen, Vorwärtsdrängenden, der alles arbeitend erprobt und ausprobiert, der jedes Motiv, vom ländlichen Kohlfeld bis zur Karnevalsmaske, als Studienobjekt und Initialzündung für die Entwicklung des eigenen Stils nutzt.

          Ein winziges Stubeninterieur aus der elterlichen Wohnung in Bielefeld ist das früheste Bild, um 1906, also mit 16 Jahren gemalt, und schon hier zeigt sich das dem Künstler ganz eigene Gefühl für Kolorit, für blockhafte Abstraktion und Komposition sowie für effektvoll getupfte Farbreflexe auf einem Blumentopf. Nach einem Jahr auf der Bielefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule wechselt Stenner 1909 zur Münchner Kunstakademie, wo er sich zunächst auf akademisches Zeichnen bei Heinrich Knirr konzentriert, in den Semesterferien aber beim Landschaftsmaler Hans von Hayek in Dachau lernt. Hier entstehen lichte, stimmungsvolle Landschaften im Neudachauer Stil, wie er von Adolf Hölzel, seinem späteren Lehrer, um 1890 begründet wurde.

          Gar nicht mehr schulmäßig

          Die brodelnde junge Kunstszene in Schwabing bleibt nicht ohne Einfluß auf Stenners Entwicklung, was von der Familie und ersten Gönnern in Bielefeld mißtrauisch beäugt wird. Hayek empfiehlt dem Achtzehnjährigen, in die Klasse des impressionistischen Landschaftsmalers Landenberger nach Stuttgart zu gehen. Akt- und Porträtmalerei ist nun sein Schwerpunkt, die Palette verdunkelt sich zeitweise nach dem Vorbild seines Lehrers, aber - ganz gegen die Malklasse - findet er für sich auch einen dünneren, lasierenden Farbauftrag in der Tradition der Dresdner Brücke. Es entsteht ein Selbstbildnis mit hohem Hut und Zigarette, sparsam mit breitem Pinsel gestrichen, und - wohl in der Schule nach einem Modell - ein Mädchen mit Pelz auf grünem Grund, gar nicht mehr schulmäßig, sondern skizzenhaft bis zur Abstraktion.

          Ein Jahr später entsteht in einem Kaffeegarten am Ammersee ein fast pointillistisch aufgelöstes Landschaftsbild, das fester in der Komposition ist und schon fast auf Hölzel hinweist, dessen Schüler er im Herbst 1911 wird. Hölzel wird den nachhaltigsten Einfluß auf Stenner haben, setzt sich der Schüler doch intensiv mit Hölzels Theorie vom Primat der künstlerischen Mittel auseinander, in der es um die Isolierung von Farbe, Linie und Fläche als gleichberechtigte Bestandteile der Bildkomposition geht.

          Ungewollter Endpunkt seines Schaffens

          Im Jahr 1912 erhält Stenner eines der raren Meisterateliers von Hölzel, besucht die Sonderbundausstellung in Köln, reist nach Paris. Die Futuristen haben es ihm angetan, und zur gleichen Zeit beginnt die Beschäftigung mit religiösen Themen. Es entstehen einsame, blockartig überhöhte Akte in unbestimmbarer Landschaft, wobei er die Mystik dieser Sujets durch reine, ungemischte Komplementärfarben erhellt. Erste Erfolge stellen sich ein, Ausstellungsteilnahmen und erste Verkäufe, 1913 sogar in der Ausstellung der Berliner Sezession. Die Eröffnungsausstellung von Oskar Schlemmers „Neuem Kunstsalon“ in Stuttgart enthält einige Werke Stenners, der später im Jahr auch in Wien, Bielefeld und Dresden ausstellt.

          Im Dezember beginnt er, zusammen mit Oskar Schlemmer und Willi Baumeister, mit ersten Studien für Szenen aus der Ursula-Legende, die, auf Ebonit-Platten ausgeführt, im Mai 1914 als Wandmalereien in der Vorhalle des Werkbundgebäudes in Köln installiert werden. Die Monumentalität und dekorative Flächigkeit der vier Großformate, ganz im Sinne Hölzels und doch so individuell und selbstbewußt, werden zum ungewollten Endpunkt des Stennerschen Schaffens. Denn nur wenige Monate später meldet er sich zusammen mit Oskar Schlemmer als Kriegsfreiwilliger. Er fällt am 3. oder 4. Dezember 1914 im Alter von dreiundzwanzig Jahren bei Llow/Lowitz in Polen.

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