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Hermann Nitsch : Drei Schweine fürs Burgtheater

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Konnten Sie das noch?


Sie hat noch erlebt, daß nach Prinzendorf die wichtigsten Leute gekommen sind. Aber sie war eigensinnig, war bis zum Schluß der Meinung, daß es viel besser gewesen wäre, ich wäre Bankbeamter oder Professor geworden.


Welche Rolle spielen Frauen in Ihrem Leben?


Ein ganz zentrale. Weil sie uns inspirieren, und weil es schön ist, wenn man verliebt ist. Und dann haben mir alle Frauen sehr geholfen. Ich war ja ursprünglich ganz arm, meine erste Frau, die hat mich absolut ausgehalten, mit meiner zweiten, die verunglückt ist, war es ähnlich. Auch meine jetzige Frau hilft mir sehr.


Sie sollten den „Parsifal“ in der Staatsoper machen, das Angebot wurde zurückgenommen. Beneiden Sie Schlingensief um den „Parsifal“ in Bayreuth?


Ich hätte den „Parsifal“ lieber gemacht als er.


Haben Sie seinen „Parsifal“ gesehen?


Nein. Als mir der „Parsifal“ in Wien entzogen wurde, konnte ich ihn ein Jahr lang nicht hören.


Wieviel Fleisch und Blut brauchen Sie im Burgtheater?


Keine fürchterlichen Unmengen. Einen Stier, dazu die Eingeweide, und drei Schweine, die Eingeweide dazu, ein paar Lungen und noch Blut, aber nicht so riesige Mengen. Da ist so leicht zündeln, und dann entstehen Mißverständnisse.


Aber Sie arbeiten doch damit.


Schreiben Sie, er besorgt sich das in Schlachthäusern und bei Metzgern, er kauft bereits geschlachtetes Material.


Im Burgtheater wird es auch Essen und Trinken geben, Fleisch und Wein, so richtig katholisch?


Wenn Sie wollen. Schnitzel wird es geben, auch Gulasch. Wiener Küche, weil ich ein Verehrer der Wiener Küche bin.


Ihre Lieblingsspeise?


Schweinsbraten mit Knödeln.


Ihre Frau hat vorhin gesagt, Sie essen den gar nicht so gern.


Wissen Sie, warum nicht? Weil man das richtige Fleisch nicht mehr kriegt. Der Schweinsbraten gehört durchzogen, muß eine Kruste haben und einen wunderbaren Saft, der nicht fettig sein darf. Und man muß einen eigenen Metzger haben, der einem das richtig zurechtschneidet. Darum esse ich so selten Schweinsbraten.


Sie sagen, es mache gar nichts, wenn es einem Theaterbesucher einmal schlecht werde.


Kunst soll den gesamten psychophysischen Organismus erfassen und ist für mich etwas extrem Schöpferisches. Bis zu einem gewissen Grad sollen Künstler durchaus numinose Anschauungen herstellen, da gehört es dazu, daß man Angst hat, daß es einen ekelt, daß man sich erbricht. Kunst ist dort, wo es eine extreme Konfrontation mit der Wirklichkeit gibt.


Oft denkt man bei Künstlern, daß es allein darauf ankommt, wieviel Kraft, Energie, Vitalität, auch Gewalt sie transportieren.


Jetzt kommt das, worauf ich hinauswill: Ich will, daß meine Aktionen zutiefst schön sind. Daß sie ganz stark von der Form getragen sind. Ich will so etwas Schönes machen wie den Isenheimer Altar.


Das klingt treuherzig.


Es ist aber so. Ich will es - ob es mir gelingt, ist eine andere Sache. Ich will so etwas machen wie die Johannespassion, die Pieta von Michelangelo, die späten Streichquartette von Beethoven.


Ihr Sechs-Tage-Spiel haben Sie erst einmal in Prinzendorf aufgeführt. Was machen Sie am siebenten Tag?


Da geht man hinaus, wieder in die Wirklichkeit, ins normale Leben. Da nützen die Leute das, was sie in dieser Schule, in diesem Seinsdienst, Gottesdienst sage ich nicht, möchte ich nicht sagen, gelernt haben und übertragen das konzentrierte Empfinden auf das ganze Leben. Das ist der siebente Tag.


Warum sind Sie nicht Priester geworden?


Das mönchische Leben hat mich immer interessiert. Ich glaube aber nicht mehr daran, daß die transzendenten Religionen noch so viel Kraft haben, daß sie wirklich einen Priester erfüllen können.


Die Kunst als Religionsersatz?


Das klingt so komisch. Sagen wir: Man hat Kunst als eine metaphysische Tätigkeit erkannt. Nietzsche, viele andere haben gesagt, daß Kunst mehr bieten kann als viele Religionen.

Vor was haben Sie Angst?


Natürlich auch vor dem Tod. Ja, wovor habe ich Angst? Vor meiner Frau.

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