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Hermann Nitsch : Drei Schweine fürs Burgtheater

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Der Aktionismus hat nichts mit Politik zu tun gehabt?


Meiner nicht! Ich wollte immer nur mein Orgien-Mysterien-Theater machen. Meine Kollegen, die ich alle sehr schätze, haben sich eher zu politischen Aussagen hinreißen lassen. Ich bin, das ist eher die Konsequenz des Unpolitischen: ein Anarchist. Aber keiner, der Bomben schmeißt. Das hat nix mit Baader-Meinhof zu tun.


Der Wiener Aktionismus ist doch die sinnliche, genießerische Variante der 68er Bewegung?


Ja, der Aktionismus war wesentlich sinnlicher als diese verbitterte, destruktive politische Stoßrichtung in Deutschland. Immer war davon die Rede, daß die Kunst die Welt nicht verändern kann und die Politik sehr wohl. Ich dreh' das um, ich sehe, die Kunst kann die Welt sofort verändern! Wenn ich Zahnweh habe und einen Cezanne sehe, gerate ich in einen Zustand, und der verändert die Welt.


Was ist das für ein Zustand? Den streben Sie ja auch bei Ihren Aktionen an.


Ein erfüllter Zustand des Daseins, bis zu einem gewissen Grad eine Erleuchtung, wie sie die Zenbuddhisten erleben. Daß man glücklich erfüllt da ist, wenn auch nur für Augenblicke, dafür habe ich mein ganzes Leben gekämpft. Ich suche die Intensität. Ich bin lebensbejahend, was aber nicht heißt, daß ich das Tragische nicht sehe. Aber ich sage ja, ja und noch mal ja zum Leben.


Dieser Wille zum Positiven hat sich enorm verstärkt?


Als junger Mensch war ich eher dem Asketischen zugeneigt.


Inwiefern?


Die Welt ist nur eine Vorbereitung des Jenseits. Schopenhauer hat mich tiefer beeindruckt als Karl May. Aber dann war doch die Lebensbejahung von Nietzsche viel wichtiger, ich hatte berauschende Daseinserlebnisse, seither liebe ich trotz aller Gräßlichkeiten das Leben, leidenschaftlich.


Und dann haben Sie das Blut entdeckt, die Sudeleien?

Zuerst habe ich auch die Sprache entdeckt, ihre sinnliche Kraft. Von der Bibel bis zur Gegenwart. Trakl, die französischen Symbolisten, die Expressionisten. Goethe, Hölderlin und wieder zurück bis zu Homer.


Sind Sie Autodidakt?


Ja. Ich habe nie etwas gelernt, nicht einmal die Fahrschule.


Wie sind Sie von der Sprache zu Ihrem Theater gekommen?


Rimbaud, Baudelaire, Hans Henny Jahnn: Immer wieder kommen all diese Herren auf das Blut und die Gedärme! Auch Kleist. Da ist eine Sinnlichkeit, die sich steigert bis zur Grausamkeit, zum Entsetzen, zum Erkennen der wahren Natur. Es gibt auch Wortdichtungen von mir. Aber dann kam der Punkt, der mein Werk ausmacht, und ich fragte mich: Wieso überlade ich meine Sprache mit sinnlichen Bildern, wo doch das Wort nur ein Symbol für sinnliches Erfahren ist? Wieso lasse ich die Leute in meinem Theater nicht direkt sinnlich empfinden? Das ist dann schnell gegangen, ich habe Gerüche eingesetzt, Geschmackswerte, habe auf der Bühne Benzin, Milch und Blut verschüttet.


Wann war das?

1958, 1959, 1960. Erst danach habe ich den Tachismus kennengelernt. Jessas! Diese Maler machen ja das gleiche auf einer Bildfläche, was ich im Theater mache. Dann setzte ich auch Fleisch und Tierkadaver ein. So kam ich zum Inszenieren von realen Geschehnissen, die direkt sinnlich waren, womit ich Verdrängtes aufspüren und nach außen lassen will. Mit Hilfe von Erregungen stieß ich auf den Schrei, das Ächzen, das Stöhnen, den Lustschrei, den Todesschrei. Ich habe Stücke geschrieben, in denen nur geschrieen wird.


Sie sind etwas enttäuscht, weil sich Ihr Theater nicht durchgesetzt hat. Aber das hat es ja, es nitschelt überall.


Ja, ja. Aber ohne, daß ich mit meiner Eitelkeit zu Ehren gekommen bin. Ich bin nicht unzufrieden und hoffe, daß ich noch ein paar Jahr' lebe und mein Theater hier in Prinzendorf vervollkommnen kann. Aber wenn ich denk', was da seinerzeit für ein Rummel um den Handke war.

Ist das jetzt eine Genugtuung am Burgtheater?


Ich habe immer gesagt, ihr werdet's schon sehen, ich werde einmal im Burgtheater aufgeführt. Außerdem bin ich ein Parvenü. Ich wollte meiner Mutter, die längst tot ist, beweisen, daß aus mir etwas wird.

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