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Herlinde Koelbl : Bekenntnisse einer Alleinreisenden

Wenn ihre Fotografien ein Text wären, begänne jeder Satz mit „Ich“: Herlinde Koelbl zeigt ihr Lebenswerk im Berliner Martin-Gropius-Bau. Aus ihrem vielfältigen Werk ragen vor allem die menschlichen Portraitstudien heraus.

          3 Min.

          Ihre Methode hat etwas Gefräßiges. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Männer, Frauen, Kinder, Reiche, Mächtige, Schriftsteller, Journalisten - es gibt fast nichts, was der Kamera von Herlinde Koelbl entgeht. Außer Dingen, die Geschichte haben. Koelbl sucht die Geschichten, die sie erzählen will, in den Menschen. In ihren Körpern: als Falte, Speckwulst und Behaarung. In ihren Gesichtern: als Fratze und Spur des Verfalls. Und in den Räumen, die sie umgeben, in Papphütten und Palästen, unter Hirschgeweihen, Neonröhren und Lüstern.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Klassenunterschiede lässt die Fotografin dabei nicht gelten, das Soziale als Kampfbegriff interessiert sie nicht. Sie sucht nach der Spiegelung der Person im Objekt: das Dingliche als Make-up der Existenz. Der Jugendstilstuhl steht vor Peter Handkes Arbeitstisch, als schriebe er selbst die Bücher des Dichters. Der cremefarbene Anzug gehört zu Tom Wolfe wie die gebräunte Designerbrust zu Wolfgang Joop. Und Koelbl lässt sie gewähren, die Geldsäcke und die Hungerleider, die Eitlen und die Uneitlen. Sie wartet auf den Moment, in dem die Masken brechen, dann schnappt sie zu.

          Begegnungsbilder

          Herlinde Koelbl, Tochter eines Bauern, kommt mit siebenunddreißig Jahren, nach vier Kindern und einer Laufbahn als Modedesignerin, zur Fotografie. Für das Goethe-Institut nimmt sie deutsche Frauen und deren Männer auf, dabei entdeckt sie die stumme Sprache der Wohnzimmer, so entsteht ihr erstes Buch. Die fotografische Technik und Apparatur sind für Koelbl von Anfang an ein Mittel gewesen, zur Welt und zu den Leuten zu kommen, kein Instrument zur Selbstsuche oder zur Kunstproduktion. Ihre Fotos sind Begegnungsbilder.

          Selbst die drei Glatzen, die sie für ihren Fotoband „Männer“ aufnimmt, bleiben Individuen, die Dicke mit den Rastalocken und der Jüngling mit der Erektion haben Name und Anschrift, und wo der Zauber des Persönlichen fehlt, wie in den Großaufnahmen von Schamhügeln, Hintern und Brustwarzen, entgleist die Bildsprache rasch ins Geleckte.

          Gesichter mit Koelbl-Effekt

          Es sind die Gesichter, in denen der Koelbl-Effekt funktioniert, sei es bei Kanzlern oder Kindern. Für ihre Kinderporträts, erzählt die Fotografin, habe sie die Eltern weggeschickt, um deren Sprößlinge ohne das obligatorische Lächeln vor die Kamera zu bekommen. Die Bilder, die dabei entstanden, sind von teils grausamer Wahrhaftigkeit. Das Mädchen, das mit seiner Riesenbarbiepuppe in Los Angeles posiert, steht da, als sähe es sein ganzes zukünftiges Leben vor sich, und der Junge im Matrosenanzug vor der Chinatapete verströmt eine Müdigkeit, wie sie nur Kindern steinreicher Leute gelingt.

          Das Gegenbild zu diesen Frühvollendeten ist jene Greisin, die Koelbl 1991 in München aufnahm. Während sich an ihrem Leib, dessen Runzeln die Fotografin zu abstrakten Faltengebirgen arrangiert, die Zeit ausgetobt hat, blicken ihre Augen wach und warm. Auch hier ist die Sitzung eher ein Gespräch als ein Schöpfungsakt. Die Kamera hält Stadien einer Annäherung fest, nicht Formen der Fotokunst.

          Der Blick des Underdog

          „Mein Blick“ hat Herlinde Koelbl den Katalog zu der Retrospektive im Berliner Gropius-Bau betitelt, für die sie selbst ihr Lebenswerk gesichtet und geordnet hat. Wo denn da das Werk sei, könnte ein Skeptiker fragen, der die lose Folge von Akt- und Porträtbildern, Society-Schnappschüssen, Reiseeindrücken und Zimmerstillleben betrachtet. Und Koelbl könnte antworten, es zeige sich eben in dem Blick, der dies alles gesehen und festgehalten habe.

          Wären ihre Fotos ein Text, begänne jeder Satz mit „Ich“. Ihre frühen Projekte, selbst die inzwischen kanonischen „Jüdischen Porträts“, denen ein ganzer Saal der Ausstellung gewidmet ist, musste Koelbl gegen den Zeitgeist und das Kalkül der Verleger durchsetzen, erst danach ebnete ihr der Erfolg den Weg zu den Objekten ihrer Neugierde. Aber auch aus ihren späteren Arbeiten, etwa den Prominentenfotos der neunziger Jahre, spricht die Hartnäckigkeit der Alleinreisenden, für die kein roter Teppich ausgerollt und kein Champagner kaltgestellt wird.

          Der Blick, den sie auf Helmut Kohl, Giovanni Agnelli oder den Kardinal Ratzinger wirft, ist noch derselbe, mit dem sie in den achtziger Jahren die „feinen Leute“ beobachtet hat - nur dass sie inzwischen selbst eine Macht ist, mit der man rechnen muss und vor der sich niemand mehr ohne Not entblößt. Der Underdog sieht Dinge, die den Arrivierten verborgen bleiben: Auch das ist eine Lektion, die man vor Herlinde Koelbls Fotografien wieder lernen kann.

          Im Zeitraffer

          Wie weit sie es gebracht hat, zeigen ihre „Spuren der Macht“, das Langzeitporträt eines Landes im Spiegel seiner Elite. Dass die Macht ihre Träger verbraucht, ist eine Binsenweisheit, aber in den Fotoserien über Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Angela Merkel, die Koelbl für die Ausstellung im Gropius-Bau ausgewählt hat, bekommt der Ausdruck „Zeitraffer“ eine furchtbare Triftigkeit. Die Krähenfüße und Magenfalten, die sich immer tiefer in die Gesichter von Schröder und Fischer eingraben, strafen nicht nur das populäre Gerede von der Erotik der Macht, sondern auch den ausgestellten Frohsinn des Exkanzlers und seines Außenministers Lügen. Nur die Kanzlerin wirkt von Mal zu Mal unverwundbarer, wie eingehüllt in die Aura der Entsagung. Auch hier ist die Sympathie offensichtlich, mit der Koelbl ihren Gegenstand betrachtet. Die Kälte anderer Fotografen, die sich zu Gralshütern der Objektivität stiilisieren, ist ihr fremd. Ihr Blick ist immer ein Komplize.

          Herlinde Koelbl hat auch Brandorte fotografiert, Muster im Asphalt, kämpfende Hunde, blutende Opferschafe und Wallfahrten. Aber das, was von ihrer Arbeit bleiben wird, sind ihre Menschenbilder, weil sie nur in ihnen den Schein, hinter dem sich alles Wichtige im Leben versteckt, zum Sprechen bringt. Das ist nicht nur eine Frage der Kunst. Es ist eine Frage der Neugierde und Beharrlichkeit, und von beidem hat diese Fotografin mehr als genug.

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