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Malerei-Ausstellung in Paris : Die Blumen des Neuen

  • -Aktualisiert am

Wie gern umschlänge der Pflanzen eine mein Arm: Im Pariser Musée du Luxembourg feiert eine Ausstellung das Werk des französischen Malers Henri Fantin- Latour, der auch ein Verehrer Wagners war.

          Im Jahr 1873 malt Henri Fantin-Latour eine junge Frau, die in einem Sessel sitzt und liest, er malt mit großer, fast seismographischer Aufmerksamkeit jedes Detail ihrer Frisur - den strengen Scheitel, das hinten zum Zopf zusammengefasste Haar, eine Locke, die sich dieser Ordnung entzieht und an der linken Schläfe aufkringelt. Er malt auch die Versunkenheit und Konzentration der Frau, die ein schon schwer zerblättertes Buch in der Hand hält.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Maler kannte die Frau zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre. Sie war nicht irgendein Modell; sie hieß Victoria Dubourg und war selbst eine erfolgreiche Malerin. Fantin-Latour, der 1836 in Grenoble geboren wurde und zum Studium nach Paris gekommen war, hatte sie im Louvre getroffen, wo sie, wie er, die Blumenstillleben flämischer Meister kopierte. Als Fantin-Latour sie malte, hatte sie bereits auf dem Pariser Salon ausgestellt; als er sie 1876 heiratete, gehörten beide zum Freundeskreis von Manet und Courbet. Dort lernten sie auch den Maler James McNeill Whistler kennen, der in Amerika „La vie de Bohème“ gelesen hatte und daraufhin nach Paris übergesiedelt war. Er empfahl Fantin-Latour nach London, wo dessen Blumenstillleben reißenden Absatz fanden. Mit diesem Markterfolg war allerdings auch ein Schicksal besiegelt, das Fantin-Latour bis heute verfolgt. Er galt und gilt als „Blumenmaler“, was in einer Kunstgeschichte, die von ihren Heroen nicht Blütenblätter, sondern Skandale und Weltenbrände verlangt, ein Todesurteil ist.

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          Dabei haben Fantin-Latours Blumen ein beeindruckendes Nachleben entwickelt. Schon in Marcel Prousts „Welt der Guermantes“ wird die aquarellierende Madame de Villeparisis gefragt, ob sie denn Fantin-Latours letzte Blumenbilder gesehen habe, und noch auf dem Cover des New Order-Albums „Power, Corruption & Lies“ von 1983 tauchen seine Blumen als Symbole einer dunklen Romantik auf. Die Pariser Ausstellung will den Künstler dennoch aus dem kunsthistorischen Blumengarten befreien: Das Musée du Luxembourg zeigt vor allem auch die unbekannteren Gemälde - etwa das Bild, das eine Malerin kurz vor dem Moment zeigt, in dem sie beginnt zu malen, in dem das Bild nur im Inneren existiert, herausgebracht werden und Form annehmen muss. Es ist eines der seltenen Bilder, die einen Künstler nicht in Aktion, sondern im Moment vor der Form, in der Stille vor der Leinwand zeigen; es ist, auf gewisse Weise, ein Bild des noch Ungesagten, Unsichtbaren, das eine Ahnung davon vermittelt, wie stark Fantin-Latour auch Theoretiker der Bildfindung war.

          Man sieht keine Lilie, sondern das Lilienhafte an sich

          Natürlich sind in der Ausstellung aber auch die Blumenbilder in ihrer ganzen, von den Holländern des Goldenen Zeitalters und Chardin beeinflussten Pracht zu sehen, und man versteht, was die Zeitgenossen an ihnen so begeisterte und verwirrte. Fantin-Latour malt die Blumen nicht ab, sondern dramatisiert sie: Die Blütenstile einer Lilie werden bei ihm geradezu unglaublich lang, die schlaffe Turbulenz ihrer Blätter, das Feine und Hängende wird mit einem fast kalligraphischen Schwung in Szene gesetzt. Man sieht keine Lilie, sondern das Lilienhafte an sich. Ein Ast voller Kirschen wird zu einer Studie in abstrakter Kompositorik - da geht es um Leerflächen und Überfülle, lineare Strenge und rauchiges Sfumato.

          Wie sehr es dem aus der Provinz nach Paris Gezogenen darum ging, sich als Teil einer Künstlerbewegung darzustellen, zeigen seine eigentümlichen Monumentalbilder von Künstlergruppen - 1863 malt er eine „Hommage an Delacroix“, auf der die gesamte Pariser Geisteselite zum Klassenbild versammelt wird, mittendrin sitzt Fantin-Latour. Ein ähnliches Werk, das „Atelier aux Batignolles“, zeigt Manet an der Staffelei, Renoir schaut ihm über die Schulter, Zola steht im scharf geschnittenen Anzug da, als habe er gerade an der Börse ein Vermögen gemacht, der hünenhafte Maler Frédéric Bazille verschattet in Fabrikbesitzerpose den kleineren Monet. Nichts auf diesem Bild lässt erkennen, dass sich hier eine Gruppe von revolutionären und umstrittenen Malern und Schriftstellern versammmelt hat: das einzige Kunstwerk, das zu sehen ist, ist eine klassische Statue. Sollte dieses Bild die „Bande à Manet“ nicht nur als machtvolle Gruppe, sondern auch als seriöse Mitglieder der Bourgeoisie kanonisieren?

          Es herrscht das Flackern eines Weltenbrandes

          Je mehr die von ihm Porträtierten ihren Impressionismus verschärfen, desto mehr beharrt Fantin-Latour auf seinem Realismus. Doch es gibt zwei Tonarten im Werk von Fantin-Latour - die überplastische Präzision der Malerei und das Rauchige, Rauschende seiner Lithographien. Vor allem in der Auseinandersetzung mit Wagner entwickelt Fantin-Latour einen ganz eigenen neuen Stil, der dem Impressionismus nur aus der Entfernung ähnlich sieht und viel mehr mit Wagners „Kunst des Übergangs“ zu tun hat: Die fast unmerklichen Verfärbungen und Metamorphosen und Modulationen, die Übergänge des Farbtons in Fantin-Latours Illustrationen zum „Ring“ sind erstaunliche Entsprechungen der Entwicklungen, die im „Rheingold“ vom Es-Dur-Akkord ausgehen, „der unaufhaltsam in figurierter Brechung dahin wogt“, wie Wagner selbst einmal schrieb.

          Auf dem Gemälde, das Henri Fantin-Latour 1877 als Reaktion auf das Finale der Walküre malt, sind dann fast gar keine Formen mehr zu erkennen, es herrscht das Flackern eines Weltenbrandes. Es ist nur ein kleines Bild - aber eines der ersten fast ungegenständlichen Gemälde seiner Zeit, und seine sehr abstrakten Flammen schlagen weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein.

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