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Ausstellung mit Berlin-Bildern : In der hellen Zone des Ichs

Berlin, wie es trinkt und lacht: Klaus Vogelgesangs Zeichnung „Standbein - Spielbein“ entstand 1976 Bild: Klaus Vogelgesang

In der Nachkriegszeit teilte sich die künstlerische Wahrnehmung Berlins in Ost und West. Warum das auch nach der Wiedervereinigung so blieb, zeigt eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

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          Wenn er einmal alt sei, schrieb Walter Benjamin in einem Entwurf für seine postum erschienene „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“, dann „soll im Flur bei mir / Ein Pharusplan von Berlin hängen / Mit einer Zeichenerklärung drunter / Blaue Punkte die Straßen in denen ich wohnte / Gelbe die Stellen wo meine Freundinnen wohnten / Und schwarze Linien die die Wege / Im Zoo nachzeichnen oder im Tiergarten / Welche ich in Gesprächen mit Mädchen machte . . . / Und rote Quadrate zahlreiche die die Quartiere / Der Liebe niedrigster Art bezeichnen oder der windstillsten Liebe“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist womöglich das schönste Gedicht, das je auf einen Straßenplan der Firma Pharus geschrieben wurde. Der Stadthistoriker Michael Bienert zitiert es in seinem Aufsatz im Katalog zu der Ausstellung „Gezeichnete Stadt“ in der Berlinischen Galerie, und man wünschte sich, es wäre auf einer der Stellwände der Ausstellung abgedruckt. Denn die besseren unter den knapp hundertachtzig Arbeiten, welche die Berlinische Galerie aus ihren eigenen Beständen versammelt hat, versuchen allesamt, dem kartographierten Äußeren der Stadt einen persönlichen Blick und eine individuelle Geschichte einzuschreiben – wenn auch weniger mit blauen, roten und gelben Punkten als mit Linien, in denen sich die perspektivische Wahrnehmung zur historischen Spur verdichtet.

          Die Gesichter versteinern, die Steine Zerfallen

          Annelie Lütgens, die Kuratorin und Leiterin der Grafischen Sammlung des Hauses, hat vor acht Jahren eine ähnlich konzipierte Epochenschau mit Kunstwerken aus der Weimarer Republik zusammengestellt. Die Ausstellung „Straßen und Gesichter 1918 bis 1933“ endete mit einer Zeichnung von Werner Heldt, und so ist es nur konsequent, dass ihre Nachfolgerin mit fünf Bildern Heldts aus der unmittelbaren Nachkriegszeit beginnt. Das früheste, „Le Dictateur“ von 1945, gibt dem Diktator ein Doppelantlitz aus Hitler und Mussolini und der Menge, die ihn bejubelt, die Härte von Felsbrocken. Die innere Versteinerung der Menschen im totalitären Staat ist auf die Gesichter übergesprungen. Sie sind schon das Geröll, zu dem ihre Häuser im Krieg zerfallen werden. In späteren Zeichnungen hat Heldt die Ruinenlandschaft Berlins mit Kanälen aus Gebäudeschutt durchsetzt. Die versteinerte Masse ist zu einem Trümmerstrom angeschwollen, der die toten Behausungen aus dem Stadtinneren schwemmt.

          Ein Strom aus Schutt: So sah Werner Heldt das zerstörte Berlin im Jahr 1947 Bilderstrecke
          Bilder aus der Ausstellung : Ansichten einer verwundeten Stadt

          Auf dieses Zerstörungswerk musste die Kunst der Nachkriegszeit antworten, und es waren vor allem die Künstler der DDR, die sich der Herausforderung stellten. Bei Joachim Böttcher, Dieter Goltzsche, Gisela Neumann, Monika Meiser, Jürgen Rosemann, Elli Graetz, Thomas Hermsdorf und anderen kann man sehen, was es bedeutete, sich eine Metropole aus Trümmern zusammenzuphantasieren. Die westdeutsche und westeuropäische Kunstszene dagegen trieb mit der geteilten Stadt mehr oder minder sublime artistische Späße. Wolf Vostell stellte einen Betonstuhl auf den Potsdamer Platz, der Spanier Antonio Saura garnierte die Mauer mit Schattenrissen und fliegenden Pinselklecksen, und Emilio Vedova malte Berlin als abstrakten Albtraum in sechs Folgen.

          Eine Ausnahme in dem frohgemuten Einerlei sind die Zeichnungen Michael Ottos, der seit 1957 in West-Berlin lebte. Bei ihm sieht der Westen wie der Bruder des Ostens aus. Zwei alte Frauen stehen wie verloren vor der Ruine des Gropiusbaus. Die Kronprinzenbrücke, erst 1991 wiederaufgebaut, reckt ihre toten Pfeiler in die Luft. Der dokumentarische Charakter dieser Szenen verträgt sich gut mit den fotorealistischen Farbdrucken von Charlottenburger Hauseingängen und Läden, die Sarah Haffner in den siebziger Jahren gemacht hat. Hier wirkt die Szenerie wie eine Kulisse von Hitchcock: Jeden Moment erwartet man den Schrei, der aus dem leeren Schuhgeschäft kommt.

          Das Inselparadies war schon Geschichte

          Die Wiedervereinigung der Stadt hat die Teilung des Blicks nicht aufgehoben. Aber sie hat die Sujets der einen für die Formgesten der anderen Seite durchlässig gemacht. Die Kunst ist jetzt nicht mehr in Stilen und Systemen zu Hause, sie baumelt an ihren Freiheiten wie ein Bungee- springer am Seil. Eberhard Havekost, ausgebildet in Dresden, druckt vor seinem frühen Tod (er stirbt 2019) die Heldengesichter von Skifahrern auf Karton, als wären es russische Kosmonauten. Florian Merkel, geboren in Karl-Marx-Stadt, zeichnet mit Buntstiften den Steglitzer Bierpinsel, als hätte ihn Stalin erbaut. Umgekehrt wächst bei westlichen Künstlern die Sehnsucht nach Dinglichkeit.

          Die Engländerin Tacita Dean bannt den Berliner Dom auf Büttenpapier. Bernd Trasberger, zugezogen aus Mönchengladbach, feiert die gerasterte Schönheit des DDR-Plattenbaus. Marc Kubitzke, auch er früh verstorben, puzzelt Berlin als Mischung aus Las Vegas, Tokio und Havana, aus Sin City und Kiez zusammen. So müssen sich die achtziger Jahre in Kreuzberg angefühlt haben. Aber Kubitzkes Collagen entstanden nach 1990. Die Stadt, ein Inselparadies des Kalten Krieges, war schon Geschichte.

          Die Arbeiten, die den Appell von Walter Benjamin wirklich ernst nehmen, machen nur einen kleinen Teil der in viele Richtungen und Ausdrucksweisen zerfasernden Ausstellung aus. Aber sie prägen sich dem Besucher ein. Theresa Lükenwerk hat den Stadtplan in Fragmente zerlegt, alle Lesehilfen getilgt und das nackte Straßenraster in Linol geschnitten. Man starrt auf ihre Papierdrucke wie auf ein Fahndungsbild, in der Hoffnung, den eigenen Stadtteil, die hundertmal befahrene Kreuzung wiederzuerkennen. Bei Pia Linz wird der Hermannplatz in Neukölln zum visuellen Tagebuch: Passanten, Begegnungen, Gespräche aus fünf Jahren sind auf ihrem mannshohen Panorama eingezeichnet.

          Am faszinierendsten ist vielleicht die Straßenkarte, die Katharina Meldner in den achtziger Jahren angelegt hat. Bei Meldner, die allein ihre eigenen Routen durch Berlin mit weißem Stift auf schwarzem Grund einzeichnet, sieht man, dass die Stadt nicht nur einen Körper hat, sondern viele: so viele, wie es Bewohner gibt. Dort, wo die Linien sich verdichten, entsteht aus vielen immergleichen Strichen eine helle Zone. Es ist der Ort des Ichs.

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