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Ausstellung mit Berlin-Bildern : In der hellen Zone des Ichs

Eine Ausnahme in dem frohgemuten Einerlei sind die Zeichnungen Michael Ottos, der seit 1957 in West-Berlin lebte. Bei ihm sieht der Westen wie der Bruder des Ostens aus. Zwei alte Frauen stehen wie verloren vor der Ruine des Gropiusbaus. Die Kronprinzenbrücke, erst 1991 wiederaufgebaut, reckt ihre toten Pfeiler in die Luft. Der dokumentarische Charakter dieser Szenen verträgt sich gut mit den fotorealistischen Farbdrucken von Charlottenburger Hauseingängen und Läden, die Sarah Haffner in den siebziger Jahren gemacht hat. Hier wirkt die Szenerie wie eine Kulisse von Hitchcock: Jeden Moment erwartet man den Schrei, der aus dem leeren Schuhgeschäft kommt.

Das Inselparadies war schon Geschichte

Die Wiedervereinigung der Stadt hat die Teilung des Blicks nicht aufgehoben. Aber sie hat die Sujets der einen für die Formgesten der anderen Seite durchlässig gemacht. Die Kunst ist jetzt nicht mehr in Stilen und Systemen zu Hause, sie baumelt an ihren Freiheiten wie ein Bungee- springer am Seil. Eberhard Havekost, ausgebildet in Dresden, druckt vor seinem frühen Tod (er stirbt 2019) die Heldengesichter von Skifahrern auf Karton, als wären es russische Kosmonauten. Florian Merkel, geboren in Karl-Marx-Stadt, zeichnet mit Buntstiften den Steglitzer Bierpinsel, als hätte ihn Stalin erbaut. Umgekehrt wächst bei westlichen Künstlern die Sehnsucht nach Dinglichkeit.

Die Engländerin Tacita Dean bannt den Berliner Dom auf Büttenpapier. Bernd Trasberger, zugezogen aus Mönchengladbach, feiert die gerasterte Schönheit des DDR-Plattenbaus. Marc Kubitzke, auch er früh verstorben, puzzelt Berlin als Mischung aus Las Vegas, Tokio und Havana, aus Sin City und Kiez zusammen. So müssen sich die achtziger Jahre in Kreuzberg angefühlt haben. Aber Kubitzkes Collagen entstanden nach 1990. Die Stadt, ein Inselparadies des Kalten Krieges, war schon Geschichte.

Die Arbeiten, die den Appell von Walter Benjamin wirklich ernst nehmen, machen nur einen kleinen Teil der in viele Richtungen und Ausdrucksweisen zerfasernden Ausstellung aus. Aber sie prägen sich dem Besucher ein. Theresa Lükenwerk hat den Stadtplan in Fragmente zerlegt, alle Lesehilfen getilgt und das nackte Straßenraster in Linol geschnitten. Man starrt auf ihre Papierdrucke wie auf ein Fahndungsbild, in der Hoffnung, den eigenen Stadtteil, die hundertmal befahrene Kreuzung wiederzuerkennen. Bei Pia Linz wird der Hermannplatz in Neukölln zum visuellen Tagebuch: Passanten, Begegnungen, Gespräche aus fünf Jahren sind auf ihrem mannshohen Panorama eingezeichnet.

Am faszinierendsten ist vielleicht die Straßenkarte, die Katharina Meldner in den achtziger Jahren angelegt hat. Bei Meldner, die allein ihre eigenen Routen durch Berlin mit weißem Stift auf schwarzem Grund einzeichnet, sieht man, dass die Stadt nicht nur einen Körper hat, sondern viele: so viele, wie es Bewohner gibt. Dort, wo die Linien sich verdichten, entsteht aus vielen immergleichen Strichen eine helle Zone. Es ist der Ort des Ichs.

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