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Heinz Berggruen : Fridas Zeit und Zeuge

  • Aktualisiert am

Heinz Berggruen lernte Frida Kahlo 1939 kennen - und brannte mit ihr durch. Für die Frankfurter Allgemeine erinnert sich der große Kunstsammler an die mexikanische Malerin, die vor 50 Jahren gestorben ist.

          Bevor ich vor acht oder neun Jahren nach Deutschland zurückkehrte, kannte ich den Ausdruck Zeitzeuge kaum. Inzwischen hat dieses Wort in meinem Sprachschatz eine besondere Stellung eingenommen. Wollte ich übertreiben, könnte ich wahrscheinlich sagen, Zeitzeuge zu sein sei mein Hauptberuf geworden. Ich möchte nicht renommieren, aber ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, daß keine Woche vergeht, in der ich nicht in einem Brief oder einem Telefonanruf gefragt werde: "Sie als Zeitzeuge könnten uns doch . . ." und so weiter.

          Bei Picasso bin ich Zeitzeuge. Bei Matisse ebenfalls. Bei Miró idem. Auch bei Giacometti. Bei Klee: kein Zeitzeuge. Klee starb 1940, da war ich in Amerika und hatte leider vor seinem Tode keine Gelegenheit, ihm zu begegnen. Fünfundzwanzigjährig lernte ich Frida Kahlo 1939 in San Francisco kennen. Neben Picasso ist sie zweifellos die Person, bei der ich am häufigsten gefragt werde, ob es stimmt, daß ich ein Zeitzeuge von ihr war. Es stimmt, wenn auch nur für eine kurze Zeit, vielleicht fünf Wochen.

          „Du wirst dich in meine Frau verlieben“

          Ihr Mann, Diego Rivera, der große mexikanische Freskenmaler, machte mich mit ihr bekannt. Rivera war nach Kalifornien gekommen, um für die Weltausstellung, die für die Eröffnung der Golden Gate Bridge veranstaltet wurde, eine Wanddekoration zu schaffen. Frida kam, um sich nach einem schweren Straßenbahnunfall von einem Arzt, den sie sehr schätzte, behandeln zu lassen. Sie wurde hospitalisiert. Diego, dessen "Mädchen für alles" ich damals war, führte mich zu ihr. Am Eingang des Krankenhauses, in dem Frida lag, blieb er stehen, sah mich mit seinen großen Picasso-Augen an und sagte auf französisch - er sprach kein Wort Englisch und ich kein Wort Spanisch: "Vous allez rencontrer ma femme et tu vas tomber amoureux d'elle." (Sie werden meine Frau kennenlernen, und du wirst dich in sie verlieben.) Du und Sie brachte er immer durcheinander, aber daran war ich gewohnt.

          Wir gingen also in das Krankenzimmer, in dem Frida lag, und es geschah genau das, was Diego vorausgesagt hatte. Über meine Beziehung zu Frida habe ich oft geschrieben. Über unsere spontane, intensive Liebe zueinander, über meine "Flucht" mit ihr nach New York, über unser wildes Leben in Manhattan. Frida war zu jener Zeit noch kein Mythos - weit entfernt. Sie war die unbekannte Tochter eines deutsch-jüdischen Einwanderers, daher ihr Name Frida, und einer Indianerin.

          Kaum eine Ahnung, daß sie malte

          In der ganzen Zeit, in der wir zusammen waren, habe ich nie ein Bild von ihr gesehen, ich wußte kaum, daß sie malte, und hatte keine Vorahnung von der erstaunlichen Kultfigur, zu der sie sich, wie kaum ein anderer Künstler unserer Epoche, entwickelte. Für mich war sie einfach eine junge, ungewöhnlich attraktive Mexikanerin, von leidenschaftlicher Lebensfreude. Nach einem langen schönen Monat trennten wir uns, sie ging zu ihrem Diego zurück und ich zu meiner Familie und meiner Arbeit. Ein aufregender Traum war vorbei.

          Kurz nach unserer Trennung wurde ich in die amerikanische Armee eingezogen und als Soldat nach Europa geschickt. Als Frida, nach unsäglichen Schmerzen, vor fünfzig Jahren starb, wußte ich, daß ich eine wunderbare Freundin verloren hatte. Die Person Frida Kahlo, die sich in der Zwischenzeit in einen märchenhaften Mythos verwandelt hatte, blieb für mich in der Erinnerung die zierliche, zauberhaft gekleidete, hinreißenden Charme ausstrahlende Mexikanerin, mit der ich einst durch die Straßen Manhattans gestreift war.

          Vor ein paar Jahren bekam ich einen Brief von der berühmten Madonna. Sie würde einen Film über Frida drehen wollen, die sie verehre. Ich als Zeitzeuge, wahrscheinlich der einzige, der noch lebe, könnte ihr einige Intimitäten berichten. Das tat ich nicht. Der Film kam nie zustande.

          Wie schade, daß es kein Gemälde dieser großartigen Künstlerin in einem deutschen Museum gibt.

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