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Heinrich Zille : Der vergängliche Ruhm des Proletariats

Die soziale Realität der Großstadt hielt er nicht nur in Zeichnungen, sondern auch in vielen Fotos fest: Berlin ehrt Heinrich Zille zum einhundertfünfzigsten Geburtstag des Künstlers mit einer Doppelausstellung.

          Eine Frau und ihr Kind am Spreeufer. Die Frau geht in blauschwarzen Lumpen, die Tochter, auf ihrem Arm, trägt ein rosa Kleid. Im Hintergrund Schlote, Dächer, Dampfer, eine Brückenlaterne, die Silhouette Berlins. Im Vordergrund Scherben, kaputte Schuhe, Müll. Das Mädchen: „Mutter, is's och nich kalt?“ Die Mutter: „Sei ruhig - die Fische leben immer drin.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Heinrich Zille ist knapp fünfzig Jahre alt, als er dieses Blatt zeichnet: „Ins Wasser“. Im selben Jahr, 1907, verliert er seine Anstellung bei der Berliner „Photographischen Gesellschaft“, für die er seit 1877 zunächst als Reproduktionstechniker, dann als Leiter des phototechnischen Ateliers gearbeitet hat. Eine jener Legenden, die sich um den Zeichner ranken und an denen er oft selbst mitgestrickt hat, behauptet, der Schock der Entlassung sei der eigentliche Anstoß für Zilles künstlerische Tätigkeit gewesen.

          Kein Unbekannter

          Dabei ist Heinrich Zille 1907 kein Unbekannter mehr. Seit vier Jahren gehört er der „Berliner Secession“ an, die auch seine Arbeiten ausstellt; Zeichnungen von ihm erscheinen im „Simplicissimus“, in der Zeitschrift „Jugend“ und den „Lustigen Blättern“. Berliner Maler und Bildhauer zählen zu seinen Freunden, so etwa August Kraus, dem Zille Modell für einen preußischen Ritterkopf auf der Siegesallee im Tiergarten steht. Der Verlust des gutbezahlten Technikerjobs macht Zille nicht zum Künstler, aber er steigert seine Produktivität: Der Freizeitzeichner kommerzialisiert sich. 1908 erscheint sein erstes Buch „Kinder der Straße“, 1912 folgen „Erholungsstunden“ und „Berliner Luft“, 1914 schließlich die „Neuen Bilder aus dem Berliner Leben“ unter dem Titel „Mein Milljöh“. Als der Krieg ausbricht, ist Zille berühmt.

          An diesen Ruhm, mit dem sich einst nicht nur Bildbände, sondern auch Filme, Zigaretten und Eintrittskarten für „Zille-Bälle“ verkaufen ließen, erinnern die Berliner Akademie der Künste und die Stiftung Stadtmuseum Berlin zum einhundertfünfzigsten Geburtstag des Künstlers mit einer Doppelausstellung, die mehr als dreihundert Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien Zilles zusammenführt. Dabei sind vor allem die Fotos, die Zille in den letzten Jahren des neunzehnten und den ersten des zwanzigsten Jahrhunderts aufgenommen hat, ein erkenntnisstiftendes Moment. Denn noch nirgendwo zuvor ist der Zusammenhang zwischen den fotografischen Recherchen, die Zille mit der erst kurz zuvor entwickelten Handkamera unter dem Arm auf den Straßen Berlins unternahm, und seinen zeichnerischen Kommentaren zur sozialen Realität der Großstadt so genau gezeigt worden wie hier.

          Chronist des Proletariats

          Seit 1892 lebte Heinrich Zille, der seinem Arbeitgeber nach Charlottenburg nachgezogen war, vier Treppen hoch in der Sophie-Charlotten-Straße 88, am westlichen Ende der Stadt. Und erst hier, im bürgerlichen Ambiente, als Mitglied der „Arbeiteraristokratie“ (Engels), wird der im ärmlichsten Handwerkermilieu aufgewachsene Zille, dessen frühe Zeichnungen und Aquarelle freundliche Biederkeit ausstrahlen, zum Chronisten des Proletariats. Fast gleichzeitig erscheinen die ersten sozialdokumentarischen Fotografien und Bilder. Sie zeigen Kinder und Jugendliche in den abbruchreifen Krögel-Höfen der Berliner Altstadt, Reisigsammlerinnen, die ihre Leiterwagen durch die Sandwüste am Stadtrand ziehen, Müllsammler, Betrunkene, Obdachlose in Hauseingängen, „Trockenwohner“, die mit ihren Habseligkeiten in feuchte Neubauten ziehen, bis der Mörtel ausgehärtet ist, und Mantelnäherinnen, die ihren Hungerlohn durch Gelegenheitsprostitution aufbessern.

          In einem handschriftlichen Lebenslauf für die Akademie der Künste, die ihn 1924 auf Betreiben Max Liebermanns aufgenommen hatte, nannte Zille William Hogarth als Vorbild. Er hätte auch Daumier oder einzelne Blätter von Doré nennen können: Die Sujets waren da, die Bildtechniken ebenfalls, es fehlte nur der krasse, klare, illusionslose Berliner Strich. Der „Mann vor einem Bretterzaun“ von 1901 ist ein düsteres, geducktes, vom Leben angezähltes Ungetüm mit gewaltigen Pranken, das auch heutigen Sozialarbeitern Angst machen könnte. Und die abgemagerte Göre mit dem Greisinnengesicht gibt mit ihrer Tuberkolose an: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken!“

          Enthüllung des Kunstgriffs

          Die Insassen des „Milljöhs“, die Brunnenputzer der industriellen Revolution liebten den Kleinbürger Zille, weil er nicht nur ihr Elend, sondern auch ihre Stärke festhielt, das brüllende Leben der Kneipen, den Hochmut der Straßenmädchen, den Trotz auf den Kindergesichtern im Schlamm. Auf den Fotos, die Zille immer nur als Vorstudien für seine Bilder sah, ist diese Art der Ästhetisierung dagegen nicht möglich. Deshalb wirken sie in der Berliner Doppelschau wie ein Korrektiv: Sie enthüllen den Zille-Stil als Kunstgriff.

          Die Schaubuden, in denen „Rosen aus dem Süden“, wandernde Leichname und Sioux-Indianer ausgestellt werden, sind in Wirklichkeit viel trostloser, die Tippelbrüder wie der „Mann in der Friedrichstraße“ viel erbärmlicher als auf Zilles Zeichnungen. Er klopfte dem Elend nicht „auf den Popo“, wie Adorno höhnte, sondern er machte es groß, überlebensgroß im Kleinformat. Er verdarb den Junkern und Parvenüs die Lust am Fin de siècle, indem er ihnen die Rotzlöffel aus Neukölln ins Gesicht lachen ließ. Diesen Kindern, wusste Zille, würde das neue Jahrhundert gehören.

          Stil als Masche

          In der Berliner Akademie, wo die Fotos und Zeichnungen dicht an dicht in den Ausstellungsräumen im Parterre hängen, sieht man auch die Kehrseite dieser kämpferischen Kunst. Je bekannter und erfolgreicher Zille war, desto mehr verkümmerte sein Stil zur Masche, sein Sujet zum Illustriertenfutter. Als Tucholsky den Zeichner im Jahr 1925 zu den „Neuen“ zählte, weil er „vor Mitleid mitleidlos“ sei, war Zilles Welt längst zur Massenware geworden; George Grosz und Otto Dix malten nun, was er vorgezeichnet hatte.

          Nun ging es nur noch darum, wer den Vater des „Milljöhs“ unter seine Fahnen sammeln konnte. Die Kommunisten, mit denen Zille zeitlebens geliebäugelt hatte, beanspruchten ihn am energischsten, aber Zille blieb der Partei bis zu seinem Tod im Jahr 1929 fern. Einen „Gefühlssozialisten“ nennt ihn Matthias Flügge, der Kurator der Akademieausstellung. So ist Zille auch als Künstler ein Gefühlsrebell geblieben. Seinen Wahlspruch entlieh er sich bei seinen Feinden; er steht unter seinem Lebenslauf für die Berliner Akademie: „Verhülle, o Muse, dein Haupt.“ Ihm genügte ihr Körper.

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